Passende Geschichten für ein Land, in dem die schlechtesten Märchenerzähler fürstlich bezahlt werden

 

Über 30 Geschichten aus einer mehr oder weniger guten Zeit. Wobei die Zeit nichts dafür kann. Es geht um menschliche Schwächen, die letztendlich die Welt so gestaltet haben, wie wir sie kennen: Endlos debattierende Zwerge kriegen nichts auf die Reihe, ein Wolf kann eben doch nur das tun, was ein Wolf eben tun muss, der Umgang mit Tieren ist generell eine schwierige Angelegenheit, auch Schweine brauchen Religion, und eine Kiste voller Märchenbücher alleine macht noch keinen gebildeten Herren aus einem Hobo. Nebenbei wird ausgiebig über Arm und Reich philosophiert, oder auch, wie man es anstellt, seinen Status zu verändern (nicht immer kommt das Gewünschte dabei heraus), und der Mensch ist sowieso überbewertet. Durch diese Sammlung ziemlich absurder Geschichten führen Mr. Jack & Will Grimm, in einer alternativen Realität zumindest dem Namen nach verwandt mit zwei bekannten deutschen Gelehrten.

 

Der Autor garantiert für mindestens die doppelte Gewaltverherrlichung wie bei den Originalgeschichten sowie absolute Geschmacklosigkeit im Umgang mit diesem wertvollen kulturellen Erbe.

 

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© 2018 A.E. Doll, Th. Doll, Robert Hansen

 


 

 

Auszüge:

Inhalt

The Story Of Jack & Will
Igel und Hase
Grünkäppchen
Intermezzo
Der Dieb und der Teufel
Intermezzo
Ein Gedicht
Die Kuh auf dem Eis
Noch ein Gedicht
Der Kater
Intermezzo
Möbel, Möbel und noch mehr Möbel
Die Taube und die Elster
Die drei Obdachlosen
Intermezzo
Die Geschichte vom großen Idioten
Die Ameise und die Grille
Intermezzo
Edelmut kann tödlich enden
Sieben Zwerge suchen eine Frau
An der Grenze…
Intermezzo
Der Fisch
Das Schwein und die Sonne
Vier Variationen über Rumpelstilzchen
Intermezzo
Hans hat immer noch Glück
Der Frosch
Intermezzo
Die Geschichte von Prosit und Profit
Als Gott einmal Langeweile hatte
Jedem das Seine – und alles für mich!
Intermezzo
Protokoll eines unvergesslichen Tages mit dem Autor Robert Hansen
Die Glücklichen mit den vielen Macken
Das letzte Gedicht



The Story of Jack & Will

Über diese Geschichte gibt es nicht viel zu erzählen. Jack & Will waren zwei junge Burschen, die sich mit irgendwelchen Gelegenheitsjobs gerade so durchschlugen. Ihr Vater hatte ihnen immer gesagt, dass Ehrlichkeit am längsten währt; aber zu lange zu warten, war nicht die Sache der beiden. Also suchten sie sich diese Art von Jobs aus, die nicht so ganz ehrlich waren. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, liebe Leser: Ich will auf keinen Fall etwas Böses über die beiden sagen, sie mussten ja von etwas leben, und es waren harte Zeiten.
Jack & Will reisten durch das Land, vorzugsweise auf den Dächern von Güterzügen, und alles, was sie tun konnten, war: Die Augen offen halten. Jack war der Meinung, dass man immer nur mit offenen Augen durch die Gegend gehen sollte, der Rest würde sich ergeben. Will kümmerte sich dann um das, was sich so ergab. Als Team waren die beiden wirklich gut, oder so gut, wie sie eben sein konnten, oder so gut, wie Zeit und Umstände es eben zuließen.
An einem Tag mit wirklich sehr schlechtem Wetter hatten Jack & Will keine Lust mehr, auf dem Dach des Güterwaggons nass zu werden. Es war auch nicht nur die unangenehme Nässe. Das Dach war rutschig, und die Fahrt ging durch zahlreiche Tunnels. Nicht nur, dass man am Ende einer solchen Reise nass und dreckig war (man konnte sogar froh sein, wenn es nur das war!) - nein, man konnte an dem Qualm, der entstand, wenn nasses Holz und nasse Kohle in der Lokomotive verfeuert wurden, ersticken. Erst recht, wenn der Tunnel zu lang war. Und selbst wenn man nicht erstickte, es genügte, für ein paar Sekunden ohnmächtig zu werden und vom rutschigen Dach des Waggons herunterzufallen. Die Räder des Zuges erledigten dann den Rest.
Also kletterten die beiden in das Innere des Waggons, jedenfalls so weit das möglich war, denn der Waggon war angefüllt mit großen und schweren Holzkisten. Mit etwas Mühe fand jeder der beiden ein Plätzchen, wo er sich halbwegs ausstrecken konnte, um während der nächsten Stunden etwas Ruhe zu finden.
Sie schliefen eine Weile, dann hatte Will Gesprächsbedarf.
„Jack?“
„Ja, Will?“
„Was könnte wohl in den Kisten drin sein?“
„Keine Ahnung.“
„Nicht neugierig?“
„Bitte, nicht wieder das. Hör mal, wir wollen hier in Ruhe an irgendeinen Ort fahren, sonst nichts. Inhalte von Kisten sind mir egal.“
„Aber wenn da irgendwas Wertvolles drin ist...“
„Nein. Das machen wir nicht. Das ist nicht gut. Erinnerst du dich an den großen Kerl, ich glaube er hieß John...“
„Ja, der große John. Klar. Was für ein Kerl!“
„Und was ist aus ihm geworden?“
„Du erzählst es mir sowieso, also ist es jetzt egal, ob ich ja oder nein sage.“
„John hat sich im Inneren eines Waggons dabei erwischen lassen, wie er sich an Kisten zu schaffen machte. Und der Bremser begnügte sich nicht damit, ihn zu verprügeln, er verpasste ihm gleich eine Ladung Schrot ins Bein. John konnte aus dem Zug springen, bevor der Bremser seine Flinte nachgeladen hat. Na ja, wer John gekannt hat, der wusste: Von ein paar Schrotkörnern im Bein hat der sich nicht beeindrucken lassen. Hätte er aber sollen. Wie auch immer, nach einer Woche haben ihn die guten Christen in einem kleinen Kaff in Nebraska auf einer Landstraße gefunden. Sicher, sie haben alles für ihn getan, aber der einzige Arzt in dem Kaff war ein Tierarzt, und der war permanent besoffen. Das Bein musste er dem armen John absägen, angeblich hat der Viehdoktor den Alkohol sogar brüderlich mit John geteilt, bevor es zur Sache ging... Aber am Ende war John tot.“
„Und was soll mir diese Geschichte sagen?“
„Wenn wir es uns zur Angewohnheit machen, unsere Gastgeber zu bestehlen, werden sie uns nicht nur einfach verprügeln, bevor sie uns rausschmeißen, sondern gleich auf uns schießen. Und nicht nur auf uns beide, sondern irgendwann auf alle von uns.“
„Oh ja, mit Knüppeln und Ketten verprügelt zu werden, ist auch wirklich eine Wohltat...“
„Du weißt, was ich meine. Wir nutzen hier eine Transportmöglichkeit, und dabei wollen wir in Ruhe gelassen werden, aber auch andere Leute in Ruhe lassen. Und klauen ist nicht unser Ding!“
Es verging einige Zeit. Wie viel genau, wissen wir nicht – denn keiner von den beiden hatte eine Uhr.
„Jack?“
„Verdammt, Will, ich war gerade am Einschlafen!“
„Die Kiste neben mir ist offen!“
„Will, du Idiot, lass den Scheiß. Wir wollen hier keinen Ärger haben!“
„Aber die Kiste ist offen!“
„Ich mag blöd sein, aber so blöd bin ich nicht. Also, Will, mach die Kiste wieder zu und lass es sein!“
„Jack, die Kiste IST offen. Sie ist jetzt offen, und sie war schon immer offen!“
„Oh ja, sie war schon immer offen. Als Gott am siebten Tag die Schöpfung begutachtete, da sagte er zu sich selbst: Hier fehlt noch eine offene Kiste. Und schon erschuf er die ewig offene Kiste, damit mein Bruder Will sie eines Tages zufällig findet!“
„Jack, du bist manchmal ein echtes Arschloch. Wenn dein Bruder dir sagt, dass die Kiste schon immer offen war...“


Am Ende sind sie wirklich reich geworden. Jack & Will kauften sich irgendwo zwei kleine Häuschen. Bis dahin sollte noch viel Zeit vergehen, und die beiden sollten noch jede Menge seltsame Gestalten kennenlernen – und auch viele von den Geschichten aus dem Märchenbuch lesen. Natürlich sind Märchen nichts für erwachsene Männer, die als Landstreicher in Güterzügen unterwegs sind, aber es kann auch unter solchen Umständen nichts schaden, etwas zu lesen. Meistens geschah es nur, um die Langeweile zu vertreiben, und in seltenen Fällen hatten die beiden auch ein echtes Interesse an der Handlung.
Immerhin wurden sie irgendwann neugierig auf diese beiden seltsamen Gelehrten aus dem alten Europa. Hätte es die Möglichkeit gegeben, in einem Zug dort hinzukommen, dann hätten sie die Reise gewagt.
Allerdings besuchten sie Deutschland tatsächlich, wenn auch eher unfreiwillig – im Herbst 1944. Hier verliert sich die Spur der beiden.

Übrigens haben sie nicht wirklich etwas mit dem zu tun, was sonst noch in diesem Buch steht. Sollten sie trotzdem irgendwann noch einmal auftauchen, so möge der Leser sich bitte vergegenwärtigen, dass es sich hier um Märchen handelt; also um Geschichten, die höchstwahrscheinlich (oder hoffentlich) nie passiert sind. Aus diesem Grund müssen wir uns auch nicht an die Gesetze der Kausalität halten, oder an die Wahrheit, oder an was auch immer… Man nehme es einfach so, wie es kommt.



 Igel und Hase

1.
Herr Hase kam schlecht gelaunt in die Bar. Herr Hase war eigentlich immer schlecht gelaunt. Er wusste, dass auch dieser Bar-Besuch ihn nicht aufheitern würde. Wozu ging er eigentlich noch in diese verdammte Bar, in der ihn von den Wänden, den Bierdeckeln, der Getränkekarte, ja, sogar vom Seifenspender auf dem Klo ein grinsendes Igel-Gesicht verhöhnte?
Barkeeper Bisamratte kannte seinen Gast.
„Na, mal wieder schlecht gelaunt?“
„Ich bin immer schlecht gelaunt!“ erwiderte Herr Hase. Er erzählte auch immer die gleichen Geschichten, eigentlich nur eine Geschichte, wenn man es genau nahm, nämlich die von seinem Vater und dem hinterlistigen Igel.
„Gut, das war unsere Standard-Begrüßung. Was darf's sein? Ach ja, bloß kein Igel-Bier. Ich weiß. Ansonsten egal. Moment…“
Bisamratte kippte aus einer Flasche ohne Igel-Gesicht ein undefinierbares Gesöff in ein Glas und schob es zu Herrn Hase hinüber.
„Prost. Geht aufs Haus!“
„Glaubst du, ich weiß nicht, dass du Igel-Doppelkorn in eine andere Flasche umfüllst?“ grummelte Herr Hase und kippte den Inhalt des Glases in einem Zug herunter.
Bisamratte verdrehte entnervt die Augen. „Was hast du nur gegen den Igel! Was hat er dir getan? Gut, das mit deinem Vater, das war nicht nett… Aber seit Jahren immer das gleiche Geschwätz, der böse Igel, mein armer Vater... und so weiter...“
Herr Hase schnappte nach Luft. „Dieser gemeine, hinterlistige Igel, er hat meinen Vater aufs Übelste hintergangen! Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, er hat dann auch noch Kapital aus der Geschichte geschlagen! Erst hat er diese Geschichte nur an Zeitungen verkauft, gut, es war mitten im Sommerloch, und die mussten irgendwas haben, um ihre erbärmlichen Käseblätter zu füllen… Aber dann, diese Typen vom Privatfernsehen, diese endlosen Auftritte in Nachmittags-Talkshows, seine Autobiographie, die Verfilmung davon… Er bekam den Hals nicht voll, und immer hat er noch einen draufgesetzt, immer musste er meinen Vater noch mehr als Idioten darstellen. Und du fragst mich, was ich gegen ihn habe?“
„Der Igel war nun mal geschäftstüchtig!“ erwiderte Bisamratte.
Herr Hase winkte ab. „Oh ja. Als ob es noch nicht genug mit seinen Geschmacklosigkeiten gewesen wäre, er fing dann auch noch an, sich selbst zu vermarkten. Igel-Sportschuhe, Igel-Fitnessdrinks, Igel-Vitamintabletten. Igel überall. Man kann heute nichts mehr kaufen, ohne dass ein Igel einen angrinst. Das ist dermaßen widerlich!“
„Aber du musst zugeben, dass dein Vater an der Sache irgendwie auch selbst schuld war...“ versuchte Bisamratte den Redefluss des Hasen zu unterbrechen.
„Mein Vater mag ab und zu mal hochnäsig und überheblich gewesen sein. Aber er war nie ein Prolet, der aus jeder Lächerlichkeit Geld machte!“
„Wenn es umgekehrt ausgegangen wäre...“ versuchte Bisamratte Herrn Hase zu trösten, aber es ging – wie immer – daneben.
„Es ist nicht umgekehrt ausgegangen. Wir sind hier nicht im Märchen, wo die Guten immer gewinnen. Dieser geldgierige, hinterlistige Igel hat meinen Vater betrogen, und nicht nur das, mein Vater hatte ein verstecktes Herzleiden, und letztendlich starb er an der Überanstrengung, und darüber macht sich dieser gemeine Igel dann auch noch lustig…“
Der Abend war noch lang, aber zum Glück hatte Bisamratte ordentlich billigen Fusel zur Verfügung, um den Hasen abzufüllen und irgendwann nach Hause zu schicken. Und er musste ihn diesmal nicht von der Polizei abholen lassen…
 




Grünkäppchen

1.
Einst lebte in einem Land, in dem es allen Menschen gut ging und alle Menschen glücklich waren (ein Märchenland eben...) ein kleines, aber deswegen nicht weniger intelligentes Mädchen, welches die Natur, alle Menschen, Tiere, Pflanzen und vielleicht sogar alles, was nie ein Mensch zuvor gesehen hat, liebte.
Eines Tages wollte dieses freundliche kleine Mädchen seine Großmutter besuchen, die alleine in einer Hütte im Wald lebte. Die Großmutter lebte dort keinesfalls, weil man sie dorthin abgeschoben hatte; vielmehr war es in diesem Märchenland eine gute und allgemein akzeptierte Tradition, dass alte Damen grundsätzlich alleine in Hütten im Wald lebten.
Auf dem Weg durch den Wald begegnete Grünkäppchen ein Wolf. Der Wolf hatte schon einige üble Erfahrungen mit Menschen gemacht, weswegen er vor dem kleinen Mädchen erst einmal davonlief, aber aufgrund etlicher Verletzungen aus vorigen Auseinandersetzungen mit Jägern, Förstern und mehr oder weniger schlauen Füchsen verließ ihn die Kraft relativ schnell. So konnte Grünkäppchen ihn einholen.
„He, Wolf, warum läufst du vor mir davon?“
„Ach, Mädchen, nimm das nicht persönlich, aber ich will nichts mit euch Menschen zu tun haben.“
„Wieso? Menschen sind doch nett und freundlich, und ich tue bestimmt niemandem etwas!“
„Der letzte Jäger, der mir eine Kugel verpasst hat – hier, da steckt sie noch drin...“ sagte der Wolf und deutete auf seinen verlängerten Rücken „...ja, dieser Jäger hatte sich als kleines Mädchen verkleidet, vermutlich weil er gedacht hat, dass Wölfe kleine Mädchen fressen. Als ob wir Wölfe so was nötig hätten! Ich habe schon meine Gründe, wenn ich mit Menschen nichts zu tun haben will!“
„Aber ich bin doch kein solcher Mensch! Hier, Wolf, schau mal, ich bringe meiner Großmutter etwas zu essen, und ich kann dir gerne etwas abgeben! Willst du einen Schluck Wein?“
„Ich trinke doch keinen Alkohol! Warum denken Menschen immer, dass Wölfe Säufer sind!“
„Oh, das wusste ich nicht. Vielleicht ein Stück Käse?“
„Danke. Ich habe eine Laktose-Intoleranz. Wenn du willst, dass ich den ganzen Tag...“
„Ist ja gut. Hier, vielleicht ein Stück Schinken?
„Euer Schinken ist dermaßen salzig, dass ich den ganzen Tag trinken muss, wenn ich das esse. Wie kann man nur so was in sich rein stopfen! Das ist doch kein richtiges Fleisch mehr...“
„Vielleicht etwas Vegetarisches?“
„Hier im Wald wächst dermaßen viel Grünzeug, wenn ich Lust auf Vegetarisches hätte, dann könnte ich den ganzen Tag davon essen. Aber warum sollte ich das tun?“
„Na ja... Ich hätte noch Schokolade... Aber inzwischen traue ich mich nicht mehr, dir das anzubieten!“
„In der Tat, Schokolade isst man als Wolf äußerst selten.“
„Vielleicht wäre bei der Großmutter etwas, das dir gefallen könnte?“
Der Wolf winkte ab. „Warum sollte mir etwas gefallen, dass bei euch Menschen herumliegt? Menschenkram ist nicht meine Sache.“
Grünkäppchen wurde – wie sagt man - ungehalten.
„Hör mal, Wolf, ich will doch nur nett zu dir sein. Ich weiß, du gehörst zu einer Bevölkerungsgruppe, die im globalen Maßstab schlecht behandelt wird und die auch hierzulande noch unter vielen Vorurteilen zu leiden hat. Aus diesem Grund möchte ich dir zeigen, dass nicht alle Menschen schlecht sind, und deswegen biete ich dir etwas zu essen an und lade dich ein, mit mir zusammen die Großmutter zu besuchen.“
Der Wolf hatte zwar Bedenken, ließ sich aber trotzdem überreden, bei Grünkäppchens Großmutter vorbeizuschauen – immerhin hatte er an diesem Tag nichts Besseres vor.

*

Bei der Großmutter angekommen, wollte diese weder Grünkäppchen noch den Wolf in ihre Hütte lassen. Sie hatte in letzter Zeit einige schlechte Erfahrungen mit Besuchern machen müssen. Letztlich hatten zwei herumstreunende Kinder sogar versucht, Baumaterial zu stehlen. Zur Rede gestellt, behaupteten sie, dass sie etwas zu essen suchten und dachten, dass die Dachziegel aus Lebkuchen bestehen würden. Die Großmutter war schon immer etwas menschenscheu gewesen, und solche Erlebnisse waren sicher ein guter Grund dafür. Sie sah den Wolf, sah Grünkäppchen vorwurfsvoll an, und dann sagte sie:
„Kind, du kannst doch keinen Wolf mitbringen. Ich verstehe ja, dass du dem armen Tier helfen willst. Aber ein Wolf ist und bleibt immer ein wildes Tier, dem man nicht trauen kann.“
„Das sind immer noch diese Geschichten, die irgendwelche Ewiggestrige verbreiten. Diese Leute wollen einfach nicht verstehen, dass Wölfe nicht böse, sondern einfach nur anders sind!“
„Das mag ja sein. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn der Wolf anders ist. Da draußen kann er so anders sein, wie er will. Hier drin bestimme immer noch ich, wie man sich zu benehmen hat!“
Der Wolf mischte sich in das Gespräch ein.
„Entschuldigt, aber ich verstehe, dass man mich hier nicht haben will. Ich bin ein armer, alter, kranker Wolf, und ich falle nur noch allen zur Last. Ändern kann ich mich nicht mehr, und ihr Menschen wollt euch nicht mehr ändern. Also, lasst uns hier und jetzt getrennte Wege gehen, das wird das Beste für alle Beteiligten sein!“
„Er hat Recht!“ rief die Großmutter. „Und wenn er es selbst einsieht – warum solltest DU ihn zwingen, anders zu werden? Ganz zu schweigen von mir, also, ich würde mich mit einem Wolf im Haus nicht wohlfühlen!“
Grünkäppchen wollte das natürlich nicht gelten lassen. „Großmutter, bitte. Schau ihn dir doch an. Er ist hilflos, und es geht ihm nicht gut. Lass ihn doch ein paar Tage bei dir wohnen, damit er nicht im kalten Wald schlafen muss. Na komm schon, oder bist du wirklich so hartherzig geworden?“
„Grünkäppchen, ich weiß nicht, was das soll. Du hast doch selbst gehört – ER will nicht hier wohnen, und ICH will es auch nicht. Für mich ist damit alles erledigt. Und darum möchte ich dich bitten, den Wolf wieder mit nach Hause zu nehmen, wenn du unbedingt etwas GUTES tun willst.“
„Ich würde ihn gerne mit nach Hause nehmen, aber leider sind meine Eltern garantiert dagegen. Und wir wohnen in der Stadt, da könnte der Ärmste schnell unter die Räder kommen. Ach, Großmutter, ich bitte dich doch nur, den armen Kerl ein paar Tage zu beherbergen. Ich komme auch jeden Tag vorbei und schaue, ob ich euch beiden helfen kann!“

2.

Am ersten Tag kam Grünkäppchen schon früh morgens, um die Großmutter zu besuchen. Sie schrubbte den Teppich im Wohnzimmer und fluchte dabei unablässig.
„Was ist denn los?“ wollte Grünkäppchen wissen.
„Was soll los sein, das Mistvieh hat auf den Teppich gemacht! So eine Sauerei!“ rief die Großmutter.
Der Wolf hatte gehört, dass Grünkäppchen im Hause war, und er musste sich wohl oder übel der Situation stellen.
„Stimmt das?“ wollte Grünkäppchen wissen.
Der Wolf sah schuldbewusst auf den nassen Teppich. „Na ja, eigentlich hat die Großmutter Recht... Aber eigentlich auch nicht...“
„Was soll das! Hast du den Teppich versaut oder nicht?“ fragte die Großmutter erbost.
„Ja, ich habe. Aber ich habe mich auch schon dafür entschuldigt. Und ich habe gestern, am späten Abend, sehr höflich darum gebeten, mich vor die Tür zu lassen.“
 



Intermezzo

Jack betrachtete nachdenklich die Kiste. „Was soll man dazu sagen. Wir sind jetzt eine Woche in Boston, und großartig Geld gemacht haben wir immer noch nicht. Ich denke, dass wir uns mehr anstrengen müssen. Wer würde uns beiden abnehmen, dass wir aus Europa kommen.“
„Du wolltest es doch so machen! Und jetzt kommst du drauf, dass es nicht so einfach ist. Nebenbei bemerkt, dein europäischer Akzent lässt sehr zu wünschen übrig!“ gab Will zu bedenken. „Das hört sich an wie eine kranke Ente, die versucht, einen Frosch nachzumachen!






 

Der Dieb und der Teufel

Ein Dieb, unterwegs um eines Einsiedlers Kuh zu stehlen, begegnete einst in einem Wirtshaus dem Teufel. Der Teufel sah natürlich sofort, wen er vor sich hatte, und anstatt den selben armen Einsiedler mit Versuchungen zu quälen - was er eigentlich vorhatte - entschloss er sich, einen zufällig anwesenden, durch Betrügereien an den Ärmsten reich gewordenen Geldsack mit in die Hölle zu nehmen. Das war aber nicht so einfach. Auch der Teufel muss sich an Regeln halten. Gut, Regeln kann man interpretieren und auslegen… Aber der Teufel wollte zusätzlich noch etwas Spaß an der Sache haben. Und das machte die Sache kompliziert, erforderte es doch die Mitarbeit des Diebes.
Der Teufel setzte sich also dem Dieb gegenüber an den Tisch und begann eine unverfängliche Unterhaltung - soweit man das eben in einer düsteren Kaschemme, wie wir sie uns hier vorstellen dürfen, möglich ist. „Wer bist du?“ fragte er ihn schon nach wenigen Minuten.
„Ich bin ein Dieb.“ sagte der Dieb. „Wen erwartest du hier zu finden? Überhaupt, wer will das wissen? Wer bist du denn?“
„Ich bin der Teufel.“ stellte sich der Teufel vor.
„Ach, den gibt es doch überhaupt nicht!“ lachte der Dieb.
Der Teufel fand das überhaupt nicht lustig. „Also bitte. Wenn es mich nicht geben sollte, wer sitzt dir hier gegenüber?“
„Irgendwer, der sich als Teufel ausgibt. Vielleicht ein Betrüger...“ spekulierte der Dieb. „Wobei mir der Teufel sympathischer wäre als ein Betrüger.“ Der fragende Gesichtsausdruck des Teufels bewog den Dieb, etwas genauer zu erklären, was er meinte. „Als Dieb bin ich ein ehrlicher Handwerker. Ich sehe etwas, und ich stehle es. Oder ich lasse es, wenn es zu schwierig wird. Betrüger sind da aus anderem Holz geschnitzt. Sie glauben, etwas Besseres zu sein, weil sie sich vor dem Stehlen so viel Mühe mit der Ausarbeitung ihrer Pläne geben. Und die ganz großen Betrüger sitzen ganz oben und regieren uns, und am Ende erzählen sie uns noch, was Recht und Unrecht ist. Nein, Betrüger sind wirklich das Letzte! Dann will ich lieber glauben, dass mir wirklich der Teufel gegenüber sitzt.“
„Ich weiß, keiner glaubt mehr an mich.“ seufzte der Teufel. „Genau so, wie keiner an Gott glaubt. Unter uns: Er ist davon auch nicht besonders erfreut.“
„Gut. Und wie geht es jetzt weiter? Ich meine, nimmst du mich mit in die Hölle?“ wollte der Dieb wissen.



 
Intermezzo

Will nickte anerkennend. „Das war aber jetzt eine echte Lektion in Sachen Reichtum, und wie man trotzdem nicht zur Hölle fährt!“
„Und das war auch eine Lektion in Sachen Bildung durch Lesen!“ ergänzte Jack. Offensichtlich hatte er die Nachwirkungen des gestrigen Alkoholkonsums bestens überstanden. Und nicht nur das, der 15 Jahre alte Whiskey, der noch aus der Zeit vor der Prohibition stammte und – getarnt in einer Bauklötze-Verpackung - im Hinterzimmer eines Spielzeugladens die schlimme Zeit überstanden hatte, schien sich positiv auf seine Vorstellungskraft auszuwirken. Will bemerkte das natürlich und erinnerte an eine unangenehme Tatsache.
„Wobei wir immer noch beim Thema wären: Wie kommen wir zu Geld? Jetzt wissen wir, was wir anstellen müssen, damit wir nicht in die Hölle kommen… Wenn wir es erst mal haben. Aber noch haben wir nichts, und das würde ich durchaus als Problem bezeichnen!“
Jack winkte ab. „Sich als Gelehrte aus Europa auszugeben, ist doch immer noch ein guter Plan. Gerade hier, in Pittsburgh, gibt es haufenweise Deutsche!“
„Ich glaube, durch ständige Wiederholungen wird die Unterhaltung über dieses Thema nicht besser.“ gab Will zu bedenken. „Wir müssen zu Geld kommen, ob als Gelehrte, als Märchenerzähler oder sonst was. So langsam frage ich mich, wie die beiden Herren, denen wir diese großartigen Bücher zu verdanken haben, das gemacht haben. Die müssen doch auch von etwas gelebt haben! Und jetzt erzähl mir nicht, dass sie Märchen erzählt haben, oder Gedichte geschrieben… Auch wenn das sicher sehr schwierige Tätigkeiten sind, jedenfalls denke ich mir das so.“






 



Ein Gedicht
Wenn der Dichter fleißig ist
Und nicht zu viele Kekse isst,
Kommt zu ihm die Muse bald
Auf dass er viel´ Gedichte lallt.
Ist´s für´s Glück ein guter Tag
Findet er dann ein´ Verlag.
Der für einen Hungerlohn
Das Meisterwerk dann druckt bald schon.
Und wenn dann viele Jahre um,
Der Dichter alt und schon fast stumm,
Gibt´s Almosen von dem Verlag,
Auf dass der Dichter nicht verzag´.
Und weil der Dichter ehrlich ist,
Und seine Pflichten nicht vergisst,
Hat er vom Geld nun gar nicht viel,
Ein jeder kennet dieses Spiel:
Versicherungen, Bürokraten,
Und and´re Freunde wohlgeraten,
Woll‘n das Geld, das der Dichter hat.
Den Rest macht das Finanzamt platt.





 Die Kuh auf dem Eis
Eine Geschichte aus der Geschichte. Sozusagen.

Vor langer Zeit lebten einmal zwei Bauern. Der eine hieß Erich, und er war meist griesgrämig und ließ sich nie einen guten Rat geben, weil er immer alles besser wusste. Der andere hieß Helmut, und er war lustig und wohlgenährt. Helmut lebte glücklich und zufrieden, und er aß, so oft es nur ging, sein Leibgericht, welches Saumagen war. Erich hatte auch sein Leibgericht, es war Rotkohl mit sauren Gurken, welches ihn – wie er selbst immer zu betonen pflegte – jung und frisch erhielt, weswegen er seinem Hof schon seit fast 30 Jahren als leitender Leiter der Landwirtschaftlichen Betriebsgenossenschaft „Erichs Bauernparadies“ (früher hieß sie „Walters Bauernparadies“, was Erich irgendwann nicht mehr gefallen hat) ganz alleine, nach seinem perfekten Plan, führen konnte.
Leider lief es auf Bauer Erichs Hof nicht so gut, sodass er andauernd mit seinen undankbaren Knechten streiten musste. Ein solcher Streit lief immer nach dem selben Schema: Die Knechte wählten einen Vertreter, den sie zu Bauer Erich schickten, damit er ihm mal sagte, wo im täglichen Leben der Schuh drückte. Gerne tat das übrigens keiner der Knechte; viele dieser Abgesandten wurden zum Ausmisten der Ställe oder Jauchegrubenentleeren eingesetzt, nachdem sie eine meist erfolglose Unterhaltung mit Bauer Erich geführt hatten. Wie auch immer, eine dieser typischen Unterhaltungen wurde später einmal als Protokoll, fein säuberlich abgetippt, in einem Müllsack voller Papierschnitzel gefunden:

Vertreter der Knechte: „Hör mal, Genosse Bauer Erich, wir wissen ja, dass unser Bauernhof der bessere ist. Aber warum merken wir nichts davon, ich meine, irgendwie geht es uns nicht so gut, wie es uns immer erzählt wird...?“
Bauer Erich: „In allen Belangen, in denen der Sozialismus die Bedürfnisse der Werktätigen zu erfüllen hat, ist er auf die Mitwirkung von euch Werktätigen angewiesen. Es ist daher zu begrüßen, wenn die Werktätigen sich prinzipiell über die Ausgestaltung der Umstände ihrer Arbeit Gedanken machen. Was wir allerdings nicht begrüßen können, ist die schleichende Verhelmutisierung unserer Landwirtschaftlichen Betriebsgenossenschaft, unter dem Vorwand, dadurch bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die Werktätigen zu schaffen. Alle Verlautbarungen, wonach es den Knechten des Bauern Helmut besser gehen würde, lassen sich einfach als schädliche Propaganda von Bauer Helmut identifizieren, mit dem Ziel, unser Bauernparadies zu destabilisieren und unter den Werktätigen Unzufriedenheit zu schüren, damit sie ihr Plansoll nicht mehr übererfüllen können.“
Vertreter der Knechte: „Aber Bauer Erich... Wenn wir mal zufällig mit den Knechten von Bauer Helmut reden, kommen wir uns vor wie die letzten Idioten. Denen geht es gut, sie bekommen mehr Geld, haben mehr Freizeit, bessere Arbeitsgeräte und was weiß ich alles. Bitte, Bauer Erich, wir wollen uns nicht beschweren, immerhin wissen wir, dass wir den besseren Bauernhof haben...“





 Der Kater


Einst lebte auf einem Bauernhof eine große Population an Katzen, die sich – wie Katzen es nun mal tun – um nichts kümmerten, als den ganzen Tag Mäuse zu fangen, faul in der Sonne herumzuliegen und sich gelegentlich lautstark zu paaren.
Das behagte zwar den Menschen nicht, aber da Katzen nützliche Tiere sind und z.B. Mäuse vertilgen, sah man gerne darüber hinweg und ließ sie gewähren. Und sollte die Gesellschaft einmal zu zahlreich werden, so sorgte eine in der Nähe befindliche Schnellstraße für eine natürliche Regulierung der Katzen-Menge.
Inmitten dieser anheimelnden Gemeinschaft nützlicher Mäusevertilger wurde irgendwann ein besonderer kleiner Kater geboren. Dass er besonders war, fiel zunächst nicht auf. Erst als er anfing, den Menschen mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden und seine Artgenossen vernachlässigte, fiel zuerst seiner Mutter auf, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
Als sie in einer Scheune unter sich waren, stellte sie ihn zur Rede.
„Junge, was ist los mit dir. Den ganzen Tag denkst du nach. Wozu? Hier gibt es alles, was man braucht, genieße doch einfach das Leben!“
„Hier gibt es nichts. Ich sehe nur Schmutz und Primitivität. Ich will kein Kater sein, ich will ein Mensch werden! Warum wurde ich als Kater geboren!“
„Es tut mir leid, mein Sohn, aber wie hätte ich das denn machen sollen?“ wollte seine Mutter wissen.
„Es ist nicht gegen dich. Ich will einfach nur mehr als dieses Leben. Man sagt, als Katze hätte man sieben Leben, aber wenn die alle so langweilig sind...“
„Mein Sohn, du denkst zu viel. Warum willst du ein Mensch sein?“
„Wir leben in einer Welt der Menschen. Die Menschen können alles und wissen alles. Sie können tun, was immer sie wollen, und sie tun es. Der Mensch beherrscht die Welt, und wenn wir unser Schicksal verbessern wollen, müssen wir uns an die Menschen halten und wie die Menschen werden,“ deklamierte der kleine Kater.
Ach, mein Kleiner... Du siehst viele Dinge nicht so, wie sie sind. Gönn‘ dir doch ein bisschen Spaß. Schau mal, die kleine graue Katze, die gerade über den Hof läuft...“
„Das könnte meine Schwester sein!“ erwiderte der kleine Kater.
„Und?“ wollte seine Mutter wissen.
„Das ist widerlich! Das ist unnatürlich! Ich kann doch nicht mit meiner eventuellen Schwester...“
„Ach, mein Sohn, wir sehen das hier nicht so eng. Komm schon, frag sie einfach, ob sie gerade willig ist!“
„Das ist ja ekelhaft“ rief der kleine Kater und lief aus der Scheune.
Ein paar Tage später begegnete der kleine Kater seinem eventuellen Vater. Der nahm ihn mit, um ihn seinen Freunden vorzustellen.
Die Kater des Bauernhofs hatten sich in einem Schuppen versammelt, um sich das Fell zu pflegen oder einfach nur faul herumzuliegen. Es war so wie immer, musste der kleine Kater feststellen: Faulheit, Trägheit und Primitivität feierten in dieser Unterkunft fröhliche Urstände.
„Ich merke schon, dass es mir hier nicht gefällt“ bemerkte der kleine Kater.
Sein eventueller Vater erwiderte in einem etwas zu nebensächlichen Plauderton: „Junge, hier kann man doch erstklassig leben. Wir haben alles, was wir brauchen. Mäuse, Vögel, läufige Katzen, und wenn wir mal ein Gewölle herauswürgen, beschwert sich keiner darüber. Was willst du in der Stadt?“
„Ich will werden wie die Menschen.“
„Warum? Was hast du davon?“
„Menschen sind die Herren der Welt. Menschen können alles, was sie wollen. Menschen können die Nacht zum Tag machen...“
„Weil sie nachts sehr schlecht sehen. Sie sind zu bemitleiden,“ unterbrach ihn sein eventueller Vater.
„Sie brauchen nichts zu sehen, weil sie alles wissen!“




 Intermezzo

Jack und Will saßen am Lagerfeuer, außerhalb von Pittsburgh in einem kleinen Wäldchen. Die Geschichten, die sie bis jetzt in den Büchern gelesen hatten, waren alle ziemlich sonderbar. Konnte es wirklich sein, dass große Gelehrte aus Europa sich so etwas Absurdes ausgedacht hatten, oder auch nur eine Minute Zeit darauf vergeudet hatten, so etwas aufzuschreiben, um es der Nachwelt zu hinterlassen? Oder waren diese seltsamen Bücher am Ende auch nur ein einziges großes Märchen, in dem zwei Gelehrte sich seltsame Geschichten ausgedacht haben…

„Sprechende Tiere. Das ist doch wirklich das Letzte!“ murmelte Will.
„Warum?“ erwiderte Jack. „Tiere geben auch Töne von sich. Und wenn ein anderes Tier da ist, dass diese Töne versteht, und dann auch Töne von sich gibt… Dann unterhalten sie sich. Das ist wie bei uns Menschen.“
Wie zur Bestätigung dieser Aussage hörte man plötzlich das Geheul von mehreren Kojoten in der Ferne.
„Und über was sollen Tiere sich unterhalten?“ fragte Will.
„Na, über… Vielleicht über das Wetter,“ versuchte Jack zu erklären.
„So ein Quatsch. Das Wetter ist, wie es ist. Warum darüber reden. Wir machen das auch nicht!“
„Wir sind aber auch keine typischen Menschen. Jedenfalls hoffe ich das!“
„Wie darf ich das denn verstehen?“
„Stell dir mal vor, alle Bewohner von Amerika würden so wie wir durch die Gegend ziehen, ohne Besitz, ohne Geld, manchmal ohne was zu essen. Das wäre doch nicht zum Aushalten. Was wäre das dann für ein Land…“
„Auf jeden Fall sind sprechende Tiere wider die Natur. Am Ende kommt es noch zu singenden Tieren.“
„Singende Tiere sind wirklich das Letzte. So absurde Ideen sollte man verbieten. Aber wie wäre es mit sprechenden Gegenständen?“



Möbel, Möbel und noch mehr Möbel


Auf einer Müllhalde existierten drei Möbelstücke, die mehr tun wollten, als auf ihren natürlichen Zerfall zu warten. Sie stellten sich die Frage, welche Alternative es zu ihrem jetzigen Dasein geben sollte. Die Möbel erinnerten sich nicht an ihr Dasein vor der Zeit auf der Müllhalde. Sie hatten überhaupt ein sehr kurzes Gedächtnis, aber das störte sie nicht. Sie wussten noch nicht einmal mehr, was für Möbel genau sie waren, bevor sie sich kennengelernt hatten. Eines Tages trafen sie sich, mehr oder weniger zufällig, und sie entdeckten, dass sie miteinander kommunizieren konnten. Nach vielen Gesprächen entschlossen sie sich, ihren jetzigen Aufenthaltsort zu verlassen. Die Suche nach einem besseren Ort oder Dasein entstand nicht aus einer schwierigen Situation heraus, oder aus einer persönlichen Notlage. Es entstand einfach etwas, weil sonst nichts entstehen konnte.
Denn tief in ihrem Innersten hatten die Möbel den Drang, den Sinn ihrer Existenz zu erforschen. Es war kein bewusster Gedanke oder eine willentliche Entscheidung. Also zogen die Möbel über das Land, oder das, was sie für das Land hielten. Denn das Land war eine riesige Müllhalde, und so weit die Möbel sehen konnten, sahen sie nur die Trostlosigkeit, die eine Müllhalde nun einmal abgibt. Trotzdem begannen sie irgendwann ihre Reise. Sie waren nicht schnell unterwegs, aber das war auch nicht notwendig. Sie wussten, dass sie Zeit hatten, obwohl auch der Zeitablauf für sie keine konkrete Erfahrung war.

*
„Langsam, ich kann nicht mehr!“
Möbel 1 schnappte nach Luft. Man sah ihm nicht an, dass es fertig war. Möbel hatten eine stark eingeschränkte Physiognomie. Die beiden anderen Mitmöbel hörten aber aus der Stimme ihres Genossen, dass er es ernst meinte.
„Machen wir Pause“ sagte Möbel 2. Möbel 3 schwieg, es sagte nur selten etwas. So wie jetzt.
„Da ist etwas am Horizont“.
„Was ist da?“ wollten die anderen beiden Möbel wissen.
„Keine Ahnung. Ich sehe etwas am Horizont.“
„Du siehst heute schon den ganzen Tag etwas am Horizont“ brummte Möbel 2.
„Es ist eben so, dass man am Horizont immer etwas sieht. Der Horizont definiert sich gewissermaßen dadurch,“ erwiderte Möbel 3.
Danach herrschte Schweigen.
Die Möbel saßen mehrere Stunden herum, bis sich Möbel 1 wieder aufraffte. Seine beiden Mitmöbel folgten wortlos.
„Wie weit sind wir heute gelaufen?“ wollte Möbel 2 wissen.
„Wie definierst du weit?“ erwiderte Möbel 1.
Möbel 2 war wohl an diesem Tag nicht in der besten Laune. „Weit ist eigentlich nebensächlich. Oder nur ein Wort. Also, weiter. Egal.“
Schweigend arbeiteten sich die Möbel weiter voran, mit jedem Schritt dem Horizont näher kommend. Und tatsächlich, da war etwas. Etwas Kleines, Buntes. Etwas, das nicht so war wie sie. Das bunte Etwas war so klein, so zart und so leicht, die Möbel konnten kaum glauben, dass es überhaupt existierte.
Möbel 1 untersuchte es näher. Seine Stimme zitterte, als es sagte: „Es ist so bunt, und – seht es euch an, Mitmöbel – es ist bedeckt von Abbildungen... Abbildungen von uns!“
Möbel 2 und Möbel 3 blickten auf das flatternde, bunte Etwas zu ihren Füßen. In der Tat, da waren Bilder von ihresgleichen zu sehen.
„Wir sind also nicht alleine auf der Welt“ sagte Möbel 3.
Übermannt von dieser Erkenntnis schwiegen die Möbel.
Dann meldete sich Möbel 1 wieder zu Wort.
„Wir müssen sie finden! Wir müssen einfach. Egal wie. Unser Dasein ist nicht ohne Sinn. Lasst uns gehen.“
Schweigend setzten die Möbel sich wieder in Bewegung.
„Woher wissen wir, dass wir in diese Richtung gehen müssen?“ wollte Möbel 2 wissen.
Möbel 1 hatte die passende Antwort – wie fast immer. „Wir gehen einfach so lange in irgendeine Richtung, bis wir sie finden. Es ist egal, wohin wir gehen. Wenn sie irgendwo sind, und wir irgendwo hingehen, finden wir sie.“
„Ich sehe etwas am Horizont“ sagte Möbel 3.

*
Wiederum standen die Möbel vor etwas, das sie vorher noch nie gesehen hatten. Es war auch klein und bunt, aber nicht so leicht wie das Ding, das sie vorher untersucht hatten. Es bestand im Wesentlichen aus dem selben Material, aber es war dicker, und es waren mehr Schichten, von denen jede Bilder von Möbeln enthielt, übereinander gestapelt.
„So viele von uns... Wo sind sie alle?“ fragte Möbel 2.
„Wir werden sie finden. Wir müssen sie finden. Wir müssen uns zusammentun! Wir müssen weiter“ erwiderte Möbel 1.
Möbel 3 folgte schweigend und beobachtete den Horizont.

*
Weit über den Möbeln brannte dieses helle, heiße Licht. Es wanderte in regelmäßigen Abständen von einer Richtung in die andere, und ab und zu war es nicht vorhanden. Den Möbeln war es egal. Sie hatten eine Aufgabe zu erfüllen. Möbel 1 ging auf seinen kurzen Beinen voran, immer dem Horizont entgegen. Möbel 2 und Möbel 3 folgten. Es gab nicht viel zu besprechen. Jedes von ihnen wusste, was zu tun war. Findet die verschollenen Mitmöbel.
Umso mehr waren die Möbel erstaunt, als plötzlich vor ihnen etwas in die Höhe ragte.
„Was ist das?“ fragte Möbel 3.
„Es sieht aus wie... Wie das, was in deinem Bauch steckt!“ sagte Möbel 2.
Möbel 1 sah an sich herunter. Richtig. In seinem Bauch steckten diese länglichen, geraden Dinger. Wenn es die Türen zu seinem Bauch öffnete, konnte man sie sehen. Möbel 1 bildete sich nichts darauf ein, er wusste nicht, wozu diese Dinger gut waren. Sie gehörten zu ihm. Seit es denken konnte, waren diese Dinger in seinem Bauch...
Um so erschreckender war es, was jetzt vor den 3 Möbeln aus dem Müll ragte.
„Wie kommt so etwas hier an diesen Ort?“ fragte Möbel 2.
„Eines wie ich hat es verloren.“ sagte Möbel 1.
„Hast du jemals ein solches Ding verloren?“ fragte Möbel 2.
„Von alleine rausfallen kann bei mir nichts!“ sagte Möbel 1.
„Lasst uns graben! Grabt!“ rief Möbel 3 plötzlich und fing an, mit seinen langen Beinen im Schutt zu wühlen.
Beide Mitmöbel schlossen sich ihm spontan an. Sie waren plötzlich von einem unerklärlichen Arbeitsfieber gepackt. Nach wenigen Minuten hatten sie Teile eines Möbels freigelegt. Ein Möbel, fast genau so wie Möbel 1.
Schweigend standen sie um die Grube mit den Einzelteilen eines unbekannten Mitmöbels herum.
„Was ist hier passiert?“ wollte Möbel 1 wissen.
„Es ist tot.“ sagte Möbel 2.
„Was ist tot?“ wollte Möbel 3 wissen.
„Unser unbekanntes Mitmöbel!“ sagte Möbel 2.
„Das sehe ich. Aber: Was ist tot? Was ist tot sein?“ fragte Möbel 3.
„Wir sind tot.“ erwiderte Möbel 1. Seine Mitmöbel schwiegen betreten.
„Träumt ihr ab und zu?“ Fragte Möbel 1 nach einer Weile.
„Was ist träumen?“ fragte Möbel 3.
„Dinge sehen. Dinge, die vielleicht passiert sind.“ sagte Möbel 1.
„Nein.“ sagte Möbel 3, und auch Möbel 2 verneinte.
Möbel 1 erhob sich.
„Wir sind tote Dinge. Das träume ich. Ich erinnere mich an etwas, das vielleicht einmal war. Und das war vor der Zeit, in der wir jetzt sind. Und an einem anderen Ort. Ich kenne Zeit und Ort nicht. Aber dort war der Satz: Wir sind tote Dinge. Ausgesprochen von einem Wesen, das kein Möbel war.“
Möbel 2 und Möbel 3 sahen ihr Mitmöbel an.
„Was hilft uns das hier?“ wollte Möbel 2 wissen.
„Nichts. Gehen wir weiter.“ sagte Möbel 1.
Schweigend marschierten die Möbel weiter, dem Horizont entgegen.





 Die Taube und die Elster

"Ach..." klagte die Elster der Taube gegenüber ihr Leid, "...warum hassen mich die Menschen nur? Was tue ich ihnen denn Schlechtes an?"
"Du stiehlst ihnen Dinge, die für sie wertvoll erscheinen!" antwortete die Taube.
Die Elster war empört. "Was? Wertvolle Dinge? Weswegen lassen sie ihre glänzenden Kleinigkeiten überall herumliegen oder werfen sie einfach weg? Ich sorge nur dafür, dass sie sicher verwahrt werden und verstecke sie an sicheren Plätzen. Und deswegen hassen mich die Menschen? Das kann doch nicht wahr sein!"
Die Taube wunderte sich sehr über das, was die Elster da sagte. Dann gab sie ihr aber trotzdem einen guten Rat, obwohl sie wusste, dass das vielleicht doch keine so gute Idee war. "Mach es wie ich. Leiste den Menschen gute Dienste, und sie werden dich mögen. Ich transportiere ihre Post, erfreue sie mit meinem lieblichen Gurren und bekomme dafür zum Dank ein Dach über dem Kopf und immer genug zu essen!"
Die Elster dachte darüber nach, und dann beschloss sie, ihr Leben zu ändern. Gleich am nächsten Tag besuchte sie einen Menschen, der so unvorsichtig gewesen war, sein Fenster offen zu lassen. Obwohl es ihr sehr schwer fiel, ignorierte sie das Kleingeld und all den anderen Glitzerkram, der im Zimmer des Menschen zu finden war, und begann, lieblich zu gurren - oder zumindest, es zu versuchen.
Kaum hatte sie damit angefangen, stürmte ein Mensch in das Zimmer, sah die Elster, und fing gleich an, sie mit Kissen, Büchern und anderen Dingen zu bewerfen, damit sie aus dem Zimmer verschwinden möge. Das tat die Elster natürlich so schnell wie möglich. Sofort flog sie zur Taube, um ihr von diesem Vorfall zu berichten.
"Das ist auch kein Wunder...." meinte die Taube. "Menschen mögen es nicht, wenn man einfach so in ihre Behausungen eindringt. Warte, bis man dich einlädt. Und lerne bitte, deine Stimme etwas lieblicher klingen zu lassen..."
Die Elster hörte sich mindestens noch eine Stunde weitere Belehrungen von der Taube an, dann wurde es ihr zu viel. Am nächsten Tag beschloss sie aber trotzdem, es noch einmal mit den Menschen zu versuchen. Sie suchte sich ein verschlossenes Dachfenster, hinter dem sie einen Menschen sah, der an einem Tisch saß und irgendeine dieser seltsamen Tätigkeiten vollführte, die für Menschen unglaublich wichtig sein mussten. Dummerweise ließ der Mensch sich nicht darin unterbrechen, so sehr die Elster sich auch abmühte.



 Die drei Obdachlosen

Einst lebten in einer großen Stadt drei Obdachlose, die sich mehr schlecht als recht mit Schnorren, Betteln und kleinen Gaunereien über Wasser hielten. Irgendwann kam ein hoher ausländischer Würdenträger in die Stadt, und alle Obdachlosen wurden zu diesem Zweck in einen weit entfernten Wald gekarrt. Dort versuchten sie, so schnell wie möglich in ihre gewohnte Umgebung zurück zu kommen, allerdings gelang dies den wenigsten.
So kam es, dass die drei Helden dieser Geschichte gezwungenermaßen in einem Wald übernachten mussten. Da sie diese Umgebung nicht gewohnt waren und auch nichts zu Essen und vor allem zu Trinken dabei hatten, war die Situation wirklich sehr unangenehm für sie. Es gab keine Passanten, die man anbetteln konnte, keine Papierkörbe mit Pfandflaschen oder halb aufgegessenen Butterbroten, und auch keine Automaten, die man knacken konnte.
Als dann die Nacht hereinbrach, beschlossen sie, dass einer Wache halten sollte, während die beiden anderen schliefen. Derjenige, welcher wach bleiben sollte, gab sich redlich Mühe, schlief aber trotzdem immer wieder kurz ein, bis er dann seltsame Dinge zu träumen begann.
Er sah plötzlich ein kleines Männlein an einem Baum lehnen, welches eine reich verzierte Flasche in der Hand hielt.
"He, was ist das denn?" sagte der Obdachlose zu sich selbst.
"Ich bin ein wundertätiger Zwerg, der dir etwas schenken will!" sagte das Männlein.
"Das gibts doch nur im Märchen!" rief der Obdachlose.
"Lieber Obdachloser, mir ist egal, ob du glaubst, was du siehst. Aber ich sage dir, dass du eine bedauernswerte Kreatur bist, und deswegen will ich dir helfen. Hier, siehst du diese Flasche? Die werde ich dir schenken!" Mit diesen Worten zeigte das Männlein dem Obdachlosen seine reich verzierte Flasche aus feinstem Kristallglas.
"Ah, ja, die Flasche... Was ist denn drin?"
"Was du willst!" erwiderte das Männlein.
"Was ich will? Ich will ein Bier. Nein, Wodka, Wodka, das brauche ich jetzt!"
"Kein Alkohol! Das ist ungesund und mit der Ethik von uns wundertätigen Zwergen nicht zu vereinen!" sagte das Männlein.
"Verdammt, warum bekomme ich etwas geschenkt, mit dem ich gar nichts anfangen kann!" jammerte der Obdachlose.
"Diese Flasche, mein lieber Freund, wird niemals leer sein. Wünsche dir das, was du trinken oder einem Freund geben willst, und es wird aus der Flasche strömen!"
Der Obdachlose hatte eine Idee. "Alkoholfreies Bier, geht das vielleicht?"
"Das geht natürlich. Koffeinhaltige Erfrischungegetränke gehen übrigens auch, sogar die, deren Rezeptur nicht öffentlich zugänglich ist..." meinte das Männlein mit einem verschmitzten Lächeln.
"Na gut, dann... Alkoholfreier Wodka?" fragte der Obdachlose hoffnungsvoll.
"Wenn du das willst, geht das natürlich auch. Ich frage mich natürlich, welchen Sinn es hat, ein Getränk zu sich zu nehmen, dessen Hauptbestandteil ein wissenschaftlich anerkanntes Zellgift ist..."
"Ist ja gut. Gib schon die Flasche her!" sagte der Obdachlose.
Das Männlein gab dem Obdachlosen die Flasche, welche dieser sogleich auszutrinken begann... oder es versuchte.
"Verdammt, das Zeug schmeckt wie echt! Und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage: Mehr kriege ich von dem Zeug nicht runter! Ich muss gleich meine Kumpels wecken..."
"NEIN!" rief das Männlein. "Sage vor Sonnenaufgang deinen Freunden nichts davon, denn sonst verwandelt sich die magische Flasche in eine ganz gewöhnliche leere Flasche!"
"Wie, warum das denn?"
"Das ist eine ganz normale Klausel, wenn wir etwas verschenken. Nimm es als Test deiner Charakterfestigkeit. Wenn du bis zum Morgengrauen schweigen kannst, dann bist du keiner von diesen geschwätzigen, ständig dummes Zeug lallenden Trotteln!"
"Ist ja gut, ich halte die Klappe. Meine Kumpels werden sowieso erst gegen Mittag wach..."
Während er dies sagte, verschwand das Männlein so plötzlich, wie es erschienen war.

 



Intermezzo

Jack und Will saßen immer noch am Lagerfeuer, genauer gesagt an einem anderen Lagerfeuer, immerhin hatten sie nicht aufgehört, durch das Land zu reisen. Gut, das Land war leider immer noch das Umland von Pittsburgh, weiter kamen sie nicht – mit einer Kiste voller Bücher kann man eben schlecht auf einen fahrenden Zug aufspringen. Auf jeden Fall hatten sie jetzt jede Menge Geschichten gelesen, in denen es armen Leuten irgendwann besser ging, meistens, weil irgendwelche seltsamen Dinge passierten, die im richtigen Leben niemals passieren würden. Darüber stritten sie sich schon den ganzen Abend, was Will dazu brachte, seine Erkenntnisse mit einem einfachen Satz zusammenzufassen:
„Das ist alles ganz großer Quatsch!“
„Warum ist alles immer Quatsch, nur weil es dir nicht gefällt!“ protestierte Jack.
„Es hat nichts damit zu tun, dass es mir nicht gefällt, sondern damit, dass es einfach nur dumme Geschichten sind, in denen Dinge passieren, die nicht sein können! Wie oft muss ich das noch erklären!“ entgegnete Will.
„Warum kann es nicht sein?“ wollte Jack wissen. „Weil es uns noch nie passiert ist? Oder weil sich das zwei Gelehrte aus Europa ausgedacht haben? Die müssen es ja irgendwo her haben, dass ein wundertätiger Zwerg einem etwas schenkt, mit dem man etwas anfangen kann!“
„Genau das! Endlich denkst du mal nach!“ triumphierte Will.
„Aber stell dir mal vor, dass so ein Zwerg irgendwo im Wald wohnt, ganz weit weg von jeder menschlichen Siedlung. Und ganz weit weg von jeder Straße. Wie wahrscheinlich wäre es, dass wir ihm jemals begegnen?“ fragte Jack.
Will seufzte. „Was soll das denn wieder werden? Unsere Unterhaltung dreht sich seit Stunden im Kreis!“
„Das soll dir zeigen, dass es durchaus so einen Zwerg geben kann, aber dass wir ihm nicht begegnen, weil er einfach zu weit weg ist, in einem ganz abgelegenen Wald… Ja, da könnte doch so ein Zwerg wohnen...“ meinte Jack.
Will schüttelte den Kopf. „Sollen wir jetzt alle verdammten Wälder auf dem ganzen Kontinent absuchen, um vielleicht einen Zwerg zu finden, der uns vielleicht etwas schenkt, mit dem wir vielleicht etwas anfangen können?“ be ich auch eindeutig zu viele Schwielen an den Händen. Und wenn die Leute uns beide mit der Kiste herumlaufen sehen, halten die uns bestimmt für ganz große Idioten!“



 Die Geschichte vom großen Idioten

Eines schönen Tages ging ein großer Idiot die Straße entlang und erfreute sich am Gesang der Vögel, am Rauschen der Blätter, am Rattern der Presslufthämmer, an den Abgasen der Autos und an den besoffenen Pennern, die im Park eine alte Oma belästigten.
Nichts Böses ahnend ließ der große Idiot sich von einem Polizisten ansprechen.
"He, du großer Idiot" sagte der Polizist, "was machst du denn hier? Hast du nicht gehört, dass es schon wieder einige Morde gegeben hat? Weißt du nicht, dass wir immer noch nach diesem Irren suchen, der die Leute bei lebendigem Leib in kleine Stücke hackt?"
"Oh ja" entgegnete der große Idiot.
Das hätte er besser nicht getan, denn während er noch freundlich lächelte, hatte der Polizist ihm schon Handschellen angelegt und rief über Funk einen Streifenwagen. Hätte der große Idiot gewusst, dass der Polizist nur auf eine Beförderung erpicht war und nur nach einem großen Idioten suchte, den er deswegen in den Knast stecken könnte - der große Idiot wäre etwas unruhig geworden. So aber sagte sich der große Idiot, dass alles so richtig sein müsse, denn die Polizei war für ihn immer ein Freund und Helfer gewesen.
Der Streifenwagen kam und zwei Polizisten packten den großen Idioten ziemlich brutal auf den Rücksitz. Als der große Idiot dann im Streifenwagen saß und die obszönen Witze dieser beiden Polizisten hören musste, wurde ihm aber doch etwas seltsam zumute. Und als ihn dann die beiden Polizisten aus dem Streifenwagen im Gefängnis abgaben, wäre der große Idiot beinahe ein bisschen wütend geworden. Doch dann besann er sich auf seine gute Erziehung und schwieg. Es ging ihm zwar etwas nahe, dass er seine privaten Habseligkeiten bei einem griesgrämigen Beamten abgeben musste, der sie in einen Schuhkarton packte und diesen zu vielen, vielen anderen Schuhkartons in ein Regal stellte, aber immerhin wusste der große Idiot aus vielen Fernsehkrimis, dass das seine Richtgkeit hatte.
In der Zelle angekommen, vermisste der große Idiot ein wenig den Komfort seines Appartements, aber er tröstete sich damit, dass die anderen Gefangenen auch nur so eine karge Zelle hatten und dass er doch auf keinen Fall eine Sonderbehandlung wünschte.
Natürlich bekam der große Idiot einen Pflichtverteidiger, einen kleinen, dicken, nervösen Mann, der ständig seine Akten vergaß und nie Zeit hatte. Er riet dem großen Idioten, alles zuzugeben und dann mit mildernden Umständen zu rechnen. Der große Idiot sagte sich, dass der Anwalt ein Profi sei und als solcher alles richtig machen würde. Leider irrte sich der Anwalt, und leider brachte das den großen Idioten in arge Schwierigkeiten und in ein Hochsicherheitsgefängnis.
Nun vergingen einige Monate, und der große Idiot fragte sich langsam, warum er denn eigentlich im Knast war. Während er versuchte, diese Frage zu beantworten, vergingen noch einige Monate. Als er endlich eine Antwort gefunden hatte, waren fast zwei Jahre vergangen. Da dem großen Idioten diese Antwort aber nicht gefiel, suchte er eine neue. Immerhin konnte man so das Vergehen der Zeit besser ignorieren.
Eines Tages kam dann der Gefängnisdirektor in die Zelle des großen Idioten und sagte: "He, du großer Idiot, mach dich bereit für eine Verlegung!"
Das hörte sich gut an, und so packte der große Idiot seine wenigen Habseligkeiten ein und folgte dem Gefängnisdirektor und dem Wärter in die Todeszelle. Natürlich war der große Idiot beunruhigt, aber er wollte sich vor den versammelten Wärtern und dem Gefängnisdirektor keine Blöße geben, indem er dumme Fragen stellte.
 




Die Ameise und die Grille


In der Strenge des Winters kam eine Grille zu ihrer Nachbarin, der Ameise. „Gebt mir doch,“ sagte sie, „von dem Vorrat, den Ihr eingeheimst habt; ich bin hungrig und habe nichts zu essen.“ „Hast du denn keine Speise für den Winter eingesammelt?“ fragte die Ameise. „Dazu hatte ich keine Zeit,“ erwiderte die Grille. „Keine Zeit!“ rief die Ameise verwundert aus; „was hast du denn im Sommer getan?“ „Nun, ich habe recht fleißig musiziert,“ antwortete die Grille. „Ei,“ sagte die Ameise, „da du im Sommer musiziert hast, so magst du im Winter tanzen.“

Sie haben sich bestimmt schon oft gefragt, was danach kam. Hier ist der Rest der Geschichte:

Als die Grille dies hörte, konnte sie es nicht glauben.
„Ich soll tanzen? Wie bitte soll mich das am Leben erhalten?“
„Nun, liebe Grille, das war nicht wörtlich gemeint. Natürlich kannst du tanzen. Du kannst dich auch aufhängen. Wahrscheinlich wird der erste Frost dich töten. Mir ist es egal!“
Die Grille wandte sich entsetzt ab. Konnte es sein, dass man sie einfach so sterben ließ? Einfach so, nur weil sie in ihrem Leben das getan hatte, was sie als Einziges tun konnte? Es war ja nicht so, dass man als Grille eine großartige Wahl hatte, oder nur aus Gründen der künstlerischen Selbstverwirklichung musizierte.
Offensichtlich musste sie den Winter alleine überstehen, was sie nicht schaffen würde. Die Ameisen würden sich an ihren übervollen Vorratskammern ergötzen, während sie erfrieren und verhungern musste. War das der Lauf der Welt?
Die Grille beschloss, die letzten Tage ihres Lebens damit zu verbringen, ein Manifest über die Grausamkeit und Selbstherrlichkeit der Ameisen zu schreiben. Ihre Nachkommen würden es lesen und vielleicht die Welt zum Besseren verändern. Zu einer Welt ohne Ameisen...
Der nächste Frühling kam. Die jungen Grillen fanden ihren Vorfahren, lasen das Manifest und riefen andere Grillen, die es ebenfalls lasen und weitererzählten. In Windeseile verbreitete sich die Kunde vom Schicksal der Grille, zusammen mit ihrem Gedankengut und dem Hass auf die Ameisen. Hatten die nicht schon zu lange die Geschicke der Welt gelenkt? Welches Recht hatten sie, das zu tun?

Und so machte sich eine Delegation der Grillen zu den Ameisen auf, um mit diesen über eine neue und gerechte Weltordnung zu verhandeln.
„Liebe Ameisen“ begann der Anführer der Grillen, „wir wissen: Ihr seid arbeitsam und denkt nicht an euer Vergnügen. Aber die Welt ist für alle da, und ihr beutet sie aus und nehmt uns damit auch unsere Nahrung. Es ist also unser gutes Recht, von euch zu fordern, uns über den Winter zu helfen!“
„Liebe Grillen,“ entgegnete der Anführer der Ameisen, „ihr könnt euch so viel von der Welt nehmen, wie ihr wollt. Ihr könnt selbst Vorräte für den Winter anlegen. Wir werden euch nicht hindern. Aber ihr tut es nicht. Ihr wollt uns die Arbeit machen lassen und verdammt uns noch dafür! Wie sollten wir uns jemals einig werden!“
„Ihr Ameisen habt alles, was ihr braucht, um Vorräte zu sammeln und einzulagern, und auch die dazu notwendigen Fähigkeiten. Wir besitzen nichts dergleichen!“ rief eine andere Grille.
„Man wird uns Ameisen doch nicht dafür verantwortlich machen, dass wir dazu in der Lage sind, eine der fortschrittlichsten Zivilisationen der Welt am Laufen zu halten!“ entgegnete der Anführer der Ameisen.
So ging es den ganzen Tag, ohne dass es zu einer Einigung kam.
Enttäuscht verließen die Grillen die Verhandlung. Zurück bei ihren Artgenossen, sah sich der Anführer der Grillen gezwungen, die Eskalation voranzutreiben.
„Ist es nicht so, dass die Ameisen uns das Recht auf Leben nicht gönnen? Haben die Ameisen unsere Vorfahren nicht jämmerlich verhungern lassen? Haben die Ameisen nicht dieses Land, dass uns allen gehören sollte, für ihr eigenes ausgegeben, es ausgebeutet und nichts für uns übrig gelassen?“
Tausendfach hörte man zustimmendes Geschrei aus den Mündern der Grillen, und so zogen sie wutentbrannt zu den Ameisen, um für das erlittene Unrecht Rache zu nehmen.
Die Ameisen waren vorgewarnt; sie verteidigten ihre Stellungen tapfer, obwohl die Grillen mit unglaublicher Brutalität angriffen.
Am Abend nach der ersten Schlacht blickte der Anführer der Grillen auf die unzähligen Toten herab und wandte sich voller Zorn den Überlebenden zu.



 Intermezzo

Jack schien die letzte Geschichte gut gefallen zu haben. Sie passte in sein Weltbild. „Also, es ist nicht gut, die bestehende Ordnung zu verletzen. Ich habe das schon verstanden. Aber wenn es jetzt zur bestehenden Ordnung gehört, dass wir zwei arme Schweine sind und es immer bleiben sollen… Dann muss die bestehende Ordnung einfach verletzt werden!“
Will stimmte ihm ausnahmsweise einmal zu. „Ja, aber auf clevere Art. Nicht mit Mord und Totschlag. So wollen wir es ja auch machen. Wir bringen keinen um, aber erzählen den Leuten Geschichten, die nicht so ganz der Wahrheit entsprechen. Eben Märchen. Unser Märchen ist, dass wir berühmte Gelehrte aus Europa sind. Wobei uns das noch keinen Schritt weiter gebracht hat. Wir lungern immer noch in den Randgebieten von Pittsburgh herum, oder in den öffentlichen Parks, und keiner interessiert sich für uns!“
Jack dachte nach. „Wir müssten irgendwie mehr Werbung für uns machen. Nur wie genau kriegt man das hin…?“
„Kleb dir einen Zettel auf die Stirn, auf dem man lesen kann, dass du ein großer Gelehrter aus Europa bist!“ meinte Will und begann, etwas in den Taschen seiner Jacke zu suchen. Einen Zettel fand er, aber leider keinen Stift.



 Edelmut kann tödlich enden


Einst ritt ein wackerer Ritter auf seinem stolzen Ross eine Landstraße entlang, da sah er am Wegesrand einen Bettler. Er war einer der wahren, schönen und guten Ritter, die es eigentlich nur im Märchen gab; aber das hier ist ein Märchen, also wollen wir den Fortgang der Handlung nicht in Zweifel ziehen.
Der Ritter winkte nun dem Bettler zu, und der Bettler kam, des Ritters Mantel zu küssen.
„Bitte, edler Ritter, gebt mir ein Almosen, ich habe seit Tagen nichts gegessen.“
Der Ritter ließ sich nicht lange bitten und gab dem armen Mann ein Goldstück.
„Habt Dank, edler Ritter, und möge Euch das Glück immer hold sein!“ rief der Bettler ihm nach, und der Ritter sah, dass der Bettler ihm noch lange zuwinkte, bis die Szenerie der edlen Handlung hinter dem Horizont verschwand.

Angekommen in der Stadt, in der er anlässlich des Kaisers Ehrentages dem Selbigen huldigen wollte, lief ihm ein weiterer Bettler über den Weg, dem er wiederum ein Goldstück schenkte. Auch dieser Bettler dankte dem Ritter überschwänglich, indem er ihn noch fast eine Meile durch die Stadt begleitete und seine Großzügigkeit und seinen Edelmut lauthals lobte.

In der Herberge, in der der Ritter zu übernachten gedachte, warf sich ihm eine billige und willige Schankmagd an den Hals, die er ebenfalls großzügig bedachte – ohne Gegenleistung, versteht sich – denn er wollte sich keineswegs die Krätze (oder andere, wirklich unangenehme Krankheiten) holen.

Am nächsten Morgen lief ihm ein altes Mütterlein über den Weg, das sein Mitleid erregte – so schenkte er ihm ein Silberstück, denn Gold besaß er nicht mehr.

In der Wirtschaft, die er besuchte, um vor der kaiserlichen Parade noch einen alkoholfreien Trunk zu sich zu nehmen, gab er dem Wirt reichlich mehr, als dieser dafür haben wollte. Auch der Wirt lobte den Ritter und bedankte sich, indem er den Ritter vor einem anderen Wirt warnte, der seinen Wein mit schmutzigem Flusswasser streckte… Wie er über seinen Konkurrenten zu hören geglaubt hatte.

Auf dem Weg zur Parade traf er einen Mönch, dem er seine Halskette mit einer echten Reliquie überließ, die er von seinem Vater geerbt hatte. Der Mönch konnte eine solche Großzügigkeit kaum fassen, und er versprach, bis zu seinem Lebensende täglich für das Seelenheil des Ritters zu beten.

Kurz vor der Parade wurde er von einigen Bettlern angehalten, die ihn auf aggressive Weise dazu anhielten, ihnen Geld oder Wertsachen auszuhändigen. Der Ritter lächelte zuerst nachsichtig wegen des sinnlosen Unterfangens, war er doch jederzeit bereit, einem armen Menschen zu helfen. Die Bettler entpuppten sich aber schnell als Räuber. Und da der Ritter nichts Wertvolles mehr besaß, kam es zwangsläufig zu Handgreiflichkeiten.



 Sieben Zwerge suchen eine Frau
oder
Wohn- und Bürokollektiv von selbständigen Tief- und Bergbau-Spezialisten sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine professionelle Reinigungskraft.

In der Zwergen-WG war mal wieder die Hölle los. Chef, der Chef bei den Zwergen, war sauer. Happy hatte die Klobürste mal wieder zum Geschirrspülen genommen, was eigentlich keine so schlechte Idee war - wenn wenigstens sauberes Geschirr dabei herausgekommen wäre. Seppel ruinierte den Plan mit den Hausarbeiten bei seinen Versuchen, die Fliegen in der WG mit gezielten Würfen von faulen Äpfeln zu töten. Das hatte Schlafmütz natürlich dazu veranlasst, gar nichts mehr zu tun, obwohl er mit Staubsaugen dran gewesen wäre. Da Pimpel aber vergessen hatte, Beutel für den Staubsauger zu kaufen, wäre das sowieso nichts geworden. Und Brummbär regte sich mal wieder darüber auf, dass er die Zeitung gekauft hatte, aber bis auf den Anzeigenteil nichts mehr zum Lesen übrig war.

Sauer sein half nichts, nach den Statuten der WG musste eine Versammlung einberufen werden, um all diese Dinge zu erörtern. So einfach war das aber nicht, zumal Versammlungen nicht die Sache von Chef waren. Er als Chef hätte gerne alles selbst geregelt, immerhin war er auch der Intelligenteste (behauptete er jedenfalls), aber Zwerge waren eben von Natur aus misstrauisch gegenüber jeder Art von Obrigkeit. So musste also jede blödsinnige Kleinigkeit durch basisdemokratische Entscheidungen legitimiert werden, was inzwischen fast täglich zu Versammlungen führte. Die Zeit, die man dafür aufwendete, fehlte dann für andere Sachen...
Chef stolperte über den Blumentopf mit dem vertrockneten Unkraut, den er gestern noch auf dem Sperrmüll gefunden hatte. Chef liebte Pflanzen – und er konnte es nicht ertragen, dass man sie einfach nur deswegen wegwarf, weil sie leicht vertrocknet waren. Er fluchte, weil er die Kneifzange nicht finden konnte, mit der er die abgebrochene Türklinke zu seinem Zimmer bedienen konnte. Das wollte er schon seit Monaten reparieren, aber immer kam etwas dazwischen. Zum Glück war im Wäschekorb zwischen schmutzigen Socken und anderen Kleidungsstücken noch eine angebrochene Tafel Schokolade zu finden, sonst wäre Chef ausgerastet. Nachdem er sich erst einmal mit ein paar Stücken Schokolade beruhigt hatte, begann er zu überlegen, wie er aus seinem Zimmer kommen könnte.
Sein Mitbewohner Happy öffnete die Tür von außen, was die Suche nach der Zange überflüssig machte.
„Happy, dich schickt der Himmel. Danke. Hör mal, wir müssen eine Versammlung einberufen. Hier ist zu viel Stress in der Bude. So geht das nicht weiter!“
Happy kratzte sich am Kopf. Ein feiner Sprühregen aus Schuppen (hoffentlich waren es welche...) rieselte zu Boden.
„Oh, ja, das ist voll wichtig, Chef. Ich spüre hier echt negative Emotionen, also auch schon bei mir selbst. Wann wollen wir das denn machen?“
„Gleich! Sofort!“ antwortete Chef.
„Nicht so schnell, Alter. Ich muss erst noch...“
Chef winkte ab, schob Happy zur Seite und stapfte in den Flur, wo Schlafmütz und Brummbär sich über irgendeine Kleinigkeit stritten.
„Ruhe“ schrie Chef, „wir machen jetzt eine Versammlung! Sofort!“
Brummbär sah ihn mitleidig an. „Was für ein Quatsch. Eine Versammlung muss von einer Mehrzahl der WG-Bewohner durch namentliche Abstimmung vier Wochen vorher beantragt werden. Du kannst das nicht einfach so bestimmen!“
„Ja! Wir sind hier keine Diktatur!“ rief Schlafmütz.
Chef baute sich vor Schlafmütz auf und sah ihn durchdringend an. „Seit einem halben Jahr haben wir fast täglich eine Versammlung. Und keine wurde vier Wochen vorher beantragt!“
„Das waren größtenteils Versammlungen nach den Notfall-Regelungen. Überhaupt eine Frechheit, die Notfall-Regelungen so lange zu benutzen, um dauernd Versammlungen einzuberufen! Zumal nichts dabei herauskommt!“ rief Brummbär höchst verärgert in Richtung Chef.
Chef schnappte nach Luft. „Was soll das heißen? Glaubt ihr, es macht mir Spaß, dauernd Versammlungen abzuhalten? Seht euch mal hier um! Seht euch einfach mal unsere Bude an. Und dann sagt mir, ob wir in vier Wochen hier noch eine Versammlung machen könnten, oder ob wir bis dann im Müll erstickt sind.“
Die anwesenden Zwerge schwiegen betreten.
„Wann wurde hier das letzte Mal der Müll rausgebracht? Wann hat sich irgendwer mal erbarmt und die verschimmelten Lebensmittel aus dem kaputten Kühlschrank geholt? Warum steht überhaupt noch der kaputte Kühlschrank in der Küche, obwohl wir schon seit zwei Jahren einen neuen haben? Was ist mit der Badewanne, in der jetzt noch die Dreckbrühe von wem auch immer steht, der offensichtlich nicht gewusst hat, dass der Abfluss verstopft ist? Und wer holt mal die Werbung aus dem Briefkasten, da passt inzwischen überhaupt nichts mehr rein!“
Seppel fühlte sich wohl angesprochen. „Ich habs gewusst! Am Ende bleibt alles an mir hängen!“
„Ach ja! Und wer hat hier zuletzt die Spinnweben entfernt? Das wurde ein halbes Jahr lang nicht gemacht!“ erwiderte Hatschi.
„Ich habe hier den Beweis...“ sagte Seppel und faltete ein Blatt Papier auseinander. „Hier ist eine Kopie von unserem Plan. Hier war meine letzte Schicht. Und die habe ich durchgezogen. Geschirrspülen, Staubsaugen, Klo putzen, Müll rausbringen. ICH habe meinen Job gemacht!“
Chef sah sich die Kopie an. „Das war die vorletzte Schicht, du Depp!“
Seppel zeigte auf den Kalender. „So ein Quatsch! Hier, das Datum...“
„Wer war zum Kalender umblättern eingeteilt?“ fragte Chef gelangweilt.
„Kalender umblättern ist Sache vom Chef. So was Wichtiges sollte keiner sonst machen. Schau mal in die Statuten.“ Wenn Brummbär jemals in seinem Leben hätte lachen wollen, jetzt wäre die Gelegenheit gewesen. Denn Chef bekam einen ziemlich roten Kopf.
„Gut, Leute, ich habe auch mal einen Fehler gemacht. Lasst uns jetzt ins Wohnzimmer gehen, um ausnahmsweise etwas zu tun, das uns aus diesem Chaos befreit. Lasst uns einen neuen Plan machen, und an den müssen sich dann wirklich alle halten. Und lasst uns effektive Kontrollmechanismen einführen, damit wir aus dieser Situation herauskommen, denn So können wir nicht weitermachen!“
Chef öffnete die Tür zum Wohnzimmer, um gleich wieder einen Schritt zurück zu machen.
„Was ist das denn für eine Sauerei!“ rief er und zeigte in Richtung Tisch.
Einige Dutzend leere Bierflaschen, Unmengen von Zigarettenkippen (hoffentlich waren es Zigaretten!), zerknülltes Papier, Kartons mit Resten von Pizza und andere angeschimmelte Lebensmittel-Reste bedeckten den Boden, Kakerlaken krabbelten auf dem Tisch herum, und der Dunst aus abgestandenem Bier und kaltem Rauch waberte wie Nebel aus dem Zimmer.
„Wer war das? Wer hat hier gefeiert und hinterher nicht aufgeräumt?“ schrie Chef seine Mitbewohner an, denen die soeben geschilderte Szenerie in keinster Weise peinlich war.
„Ich war letzte Woche nicht da!“ verteidigte sich Hatschi. Das hätte er besser nicht getan.
„Der Müll liegt hier schon seit ZWEI Wochen. Ich habe es unserem Seppel gesagt, der das Wohnzimmer als letzter benutzt hat.“ sagte Brummbär.
„Als ich es benutzt habe, lag der meiste Krempel schon so im Wohnzimmer!“ rief Seppel. „Und ich schmeiße nichts einfach so weg. Erinnert ihr euch? An Weihnachten hat Pimpel mich dermaßen zur Sau gemacht, weil ich das gebrauchte Geschenkpapier wegschmeißen wollte… Er meinte, dass man das noch brauchen könnte! Und keiner mag Petzen! Wenn hier weiter auf mir 'rumgehackt wird, gehe ich einfach in mein Zimmer...“
„RUHE! ES REICHT!“ schrie Chef.
„Es ist mir egal, wer unser Wohnzimmer versaut hat. Es ist mir auch egal, wer den Plan missachtet hat und wer sich meinetwegen auch mal daran gehalten hat. Ich kann das nicht mehr sehen. Und seid mal ehrlich zu euch selbst: Gefällt es euch hier? Gefällt euch dieser Saustall? Na?“
Alle Zwerge schwiegen. Es war ihnen offensichtlich noch nicht alles egal.
„So, Leute, nachdem hier jahrelang nichts funktioniert hat, müssen wir jetzt mal ausnahmsweise Nägel mit Köpfen machen. Ich bin bereit, extreme Maßnahmen zu ergreifen! Da wir es alleine nicht mehr schaffen, unsere Bude sauber zu halten, rufe ich den Notstand aus und sage mit allem Nachdruck: Wir brauchen eine Putzfrau!“
Chefs Worte schlugen ein wie eine Bombe.
„WAAAAS???“ riefen die anderen Zwerge entsetzt - „Eine Putzfrau?“
„Ich brauche keine Putzfrau! Ich nicht!“ sagte Seppel und verzog sich in sein Zimmer. Wer Seppels Zimmer kannte, hätte ihm auf keinen Fall zugestimmt.
„Abstimmung!“ sagte Brummbär. „Ohne Abstimmung läuft hier gar nichts!“
Chef schüttelte den Kopf. „Keine Abstimmung. Diese Sauerei kann nur ein Profi aufräumen. Und wenn ihr Geizhälse keine Putzfrau bezahlen wollt, mache ich es eben alleine! Denkt mal nach: Das hier ist nicht nur unsere Wohnung, sondern auch unser Firmensitz. Was sollen unsere Kunden denken, wenn sie uns mal hier besuchen wollen. Also: Eine Putzfrau muss her!“

Und so konnte man eine Woche später in allen regionalen Medien diese Anzeige lesen:

„Wohn- und Bürokollektiv von selbständigen Tiefbau-Spezialisten sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine professionelle Reinigungskraft. Flexibilität und Belastbarkeit ist erwünscht. Überdurchschnittliche Bezahlung wird gewährleistet.“

Es sollte nicht lange dauern, bis die ersten Anwärterinnen auf diese anspruchsvolle Beschäftigung erscheinen würden…



 
An der Grenze...

Es war einmal ein Land mit einer Grenze drumherum, wie sich das für ein richtiges Land gehört. Und an der Grenze standen viele Polizisten. Sie hatten in der Hauptstadt des Landes und auch in den anderen Städten nichts mehr zu tun. Seit Jahren gab es keine Verbrecher mehr, denn alle Leute waren gut geworden.
So standen also die Polizisten an der Grenze und schauten ganz genau, sie wollten ja keine Verbrecher aus einem anderen Staat, - so nennen die Erwachsenen ein Land manchmal auch, - in ihr eigenes Land hinein lassen.
Eines Tages kam ein lustiger Mann mit einem schwarzen Pflästerchen auf der Stirne an die Grenze und wollte in das Land hinein, denn er wollte seine Freunde besuchen. Aber Pflästerchen sind nicht schwarz, sondern rosa, und so fragte der Polizist, der gerade dort stand, wo der Mann über die Grenze in das Land hinein wollte, wieso sein Pflästerchen schwarz sei und nicht rosa. Der Mann sagte: „In meinem Land hat man schwarze Pflästerchen auf der Stirn, wenn man sich gestoßen hat, und der Doktor hat mir das Pflästerchen ja auch draufgeklebt. Und der muss es ja wissen, ob es rosa oder schwarz sein soll.“ Der Polizist schaute den Mann böse an und fragte sehr unfreundlich: „Ja, warum haben Sie denn überhaupt ein Pflästerchen auf der Stirn?“

Der Mann lachte: „Ich habe mir den Kopf an der Tür gestoßen, weil ich vergessen hatte, meine Brille aufzusetzen. wissen Sie, ich vergesse manchmal, meine Brille aufzusetzen.“ Der Polizist schaute noch böser und sagte: „Herrschaft Zeiten, sind Sie so vergesslich? Wenn Sie eine Brille haben, dann sehen Sie doch schlecht, sonst hätten Sie doch keine, oder? Dann muss man doch immer eine Brille auf der Nase haben, wenn man so schlecht sieht.“ Der Mann wurde nun auch etwas ärgerlich, weil er doch eigentlich nur seine Freunde besuchen wollte, und nun wurde er festgehalten an der Grenze von diesem dummen Polizisten. „Warum wollen Sie denn in unser Land?“ fragte der Polizist. „Ich wollte nur meine Freunde besuchen,“ sagte der Mann etwas unwillig, „einer meiner Freunde hat Zwillinge bekommen, und ich soll Patenonkel von dem kleinen Bernhard werden. Und damit Sie es gleich wissen, ich habe auch ein Geschenk mitgebracht, Babysachen für den Kleinen.“



 
Intermezzo

Ein gut gekleideter Herr näherte sich beiläufig der Parkbank, auf der Jack & Will saßen, um ihre Kiste zu bewachen. Auf Höhe der benachbarten Bank stellte der gut gekleidete Herr fest, dass sich die Schnürsenkel seines rechten Schuhes geöffnet hatten. Bei dem Versuch, sich die Schnürsenkel wieder zuzubinden, fiel ihm eine Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, herunter. Der Wind erfasste die Zeitung und wehte sie direkt vor Jacks Füße.
„Entschuldigen Sie, könnten sie bitte so freundlich sein, meine Zeitung festzuhalten...“ rief der gut gekleidete Herr zu Jack herüber.
„Kein Problem“ meinte Jack und bückte sich nach der Zeitung.
Der gut gekleidete Herr nahm sich noch etwas Zeit, um seine Schnürsenkel korrekt zu binden und ging dann zu Jack und Will, um sich überschwänglich zu bedanken.
„Das ist aber außerordentlich freundlich von Ihnen. Wissen Sie, ich bin noch nicht lange in dieser Stadt... Ich möchte mir auch kein Urteil über die Bewohner erlauben, aber Freundlichkeit ist hier dünn gesät. Ich nehme an, sie sind auch nicht von hier?“
„Wir sind aus...“ Jack wurde unsanft unterbrochen, als Will ihm so dezent wir möglich gegen das Schienbein trat. „Grimm. Will und Jack Grimm. Wir kommen aus Europa und beehren die feine Gesellschaft mit unserer Anwesenheit!“ Will streckte dem Herren im feinen Anzug die Hand entgegen, die dieser pflichtschuldigst ergriff und kurz schüttelte.
„Hansen. Robert Hansen, von den Hansens aus Dithmarschen, aus Deutschland. Ich besuche hier meine weitläufige Verwandtschaft. Und Sie sind auch aus Europa? Woher kommen Sie?“
Jack schüttelte den Kopf, man sah deutlich, wie unangenehm ihm diese Situation war. So, wie Will sich aufführte, konnte das nur daneben gehen! Will ließ sich trotzdem nicht beirren, öffnete die Kiste und nahm ein Buch heraus.
„Wir sind Wilhelm und Jakob Grimm, und wir kommen auch aus Deutschland. So ein Zufall!“
Der Herr im feinen Anzug lächelte zweideutig. Er betrachtete das Buch, das ihm Will entgegen hielt. „Nun, Herr... Grimm, ich bin beeindruckt. Zwei berühmte Schriftsteller aus der alten Heimat, und ich treffe sie einfach so, zufällig in einem Park in Pittsburgh. Solche Zufälle sind wirklich sehr, sehr selten. Verzeihen Sie, wenn ich sie um noch einen Gefallen bitte... Aber könnten Sie mir ihren richtigen Namen sagen?“



 
Der Fisch

Eines schönen Tages fing ein Angler einen Fisch, den er natürlich zu verspeisen gedachte.
„Warum hast du mich gefangen? Was soll das?“ schrie der Fisch, als er auf dem Boden des Bootes zappelte und sich einfach nicht von dem Angler erschlagen lassen wollte.
Der Angler war verwundert, dass der Fisch sprechen konnte. Er dachte kurz über die Möglichkeit einer spontanen Mutation durch Umweltverschmutzung nach, dann fing er wieder an, nach dem Fisch zu greifen.
„Ja, Fisch, es tut mir leid – aber ich esse dich gleich. Keine Angst, ich erschlage und filetiere dich zuerst!“
„Du willst WAS? Mich ESSEN???“ schrie der Fisch voller Panik.
„Menschen essen Fische. So ist das nun mal.“ sagte der Angler.
Der Fisch versuchte aus dem Boot zu hüpfen, während er den Angler fragte: „Und sprechende Fische auch? Wann hast du zuletzt einen sprechenden Fisch gegessen?“
„Hör zu, Fisch, es ist mir egal, ob du sprechen kannst.“ erwiderte der Angler.
„Ich bin nicht ein gewöhnlicher Fisch. Ich bin der König der Fische!“ rief der Fisch, dem klar wurde, dass er aus dem Boot nicht mit normalen Mitteln herauskommen sollte.
„Dann hoffen wir mal, dass du auch königlich schmecken wirst!“ meinte der Angler. Was glaubte dieser Fisch, wer er war!
„Wenn du mich nicht isst, werde ich dir alle Wünsche erfüllen!“ rief der Fisch, der spürte, dass seine Kräfte schwanden.
„Hm. Alle? Was glaubst du, was ich mir alles wünschen kann. Das kriegst du doch nie geregelt!“ sagte der Angler.
Der Fisch schnappte nach Luft. „Gut, dann prüfe mich! Was brauchst du gerade?“
„Ganz ehrlich: Einen Fisch, der sich einfach so von mir essen lässt, ohne mich vollzuquatschen.“ erwiderte der Angler.
Der Fisch hatte kaum noch Kraft zu zappeln. „Wenn es nur das ist... Schau mal da, neben der Ente...“
Und richtig, da schwamm ein toter Fisch. Der Angler brauchte ihn nur zu greifen, als er neben dem Boot vorbeitrieb.
„Na, das ist doch der Beweis! Ich kann dir alle Wünsche erfüllen!“ rief der Fisch mit letzter Kraft.
„Hmmm... Na ja, das war ziemlich einfach. Was kannst du noch? Lass mal nachdenken...“
Dem Fisch wurde schon schwarz vor Augen. „Sag es einfach!“
„Momentan fällt mir nichts ein!“ meinte der Angler.
„Dir muss doch ein Wunsch einfallen“ jammerte der Fisch. „Ein lumpiger Wunsch!“
„Momentan gerade nicht. Tut mir leid. Ich kann mir nicht so plötzlich etwas wünschen. Nicht, wenn man mich so unter Druck setzt.“ sagte der Angler.
„Es ist nur so... Ich müsste mal zurück ins Wasser!“ sagte der Fisch, der sich inzwischen kaum noch bewegen konnte.
Der Angler grinste. „Und wenn ich dich ins Wasser werfe, bist du weg!“
„Das denkst du von mir? Also hör mal... Habe ich dir nicht eben einen Wunsch erfüllt?“
„Na ja, so gesehen...“
„Und wenn ich nicht gleich ins Wasser zurück komme, kann ich dir nie wieder einen Wunsch erfüllen! Tote Fische erfüllen keine Wünsche!“
Das war die letzte Chance. Und der Fisch sollte sie bekommen.
„Wenn ich das meiner Frau erzähle...“ murmelte der Angler, als er den Fisch in den See zurückwarf.




 Das Schwein und die Sonne

Eines Tages kam in einem sehr großen landwirtschaftlichen Betrieb ein intelligentes Schweinchen auf die Welt, das die ersten Tage seines Lebens einfach so nichts tat, ein bisschen an den Zitzen seiner Mutter saugte, viel schlief und ansonsten seine Umgebung genoss. So hätte es ewig weitergehen können, wäre da nicht ein Erlebnis gewesen...
Jeder von uns, ob nun Schwein oder nicht, kennt diese Geschichten um die sogenannten „Erweckungserlebnisse“. Plötzlich hört man einen Satz, gesprochen von einem wildfremden Menschen, ohne dass er selbst irgendeine Absicht damit verfolgt hätte. Und ebenso plötzlich scheint dieser Satz eine Bedeutung für einen selbst zu haben, der weit über den Sinn der Worte hinaus geht. Plötzlich ist die Welt in all ihrer Kompliziertheit erklärbar geworden, der Horizont hat sich erweitert oder auch die Sicht auf die Dinge verändert. Aber letztendlich sind solche Erlebnisse äußerst selten, und was man in sie hinein interpretieren will, ist bei jedem anders.
So erging es auch dem kleinen Schwein, als es von einem zufällig anwesenden Schweinepfleger den folgenden Satz aufschnappte:
„Auch dieses Schwein sieht die Sonne nicht...“
Der Schweinepfleger sagte es zu einem anderen Schweinepfleger, woraufhin dieser entweder nichts oder etwas sehr unverständliches erwiderte.
Das kleine Schwein wollte diesen Satz aber nicht vergessen. Kaum bei seiner Mutter angekommen, fragte es:
„Was ist die Sonne, und warum sehe ich sie nicht?“
„Ach...“ grunzte die Mutter. „Die Sonne ist so eine Geschichte, die die Menschen sich ausgedacht haben, um uns Schweine zu erschrecken! Wozu willst du es überhaupt wissen!“
„Ich verstehe das nicht“ sagte das kleine Schwein. „Eben sagte ein Schweinepfleger zum anderen, dass auch ich die Sonne nicht sehen werde. Warum sagte er das?“
„Schweinepfleger sind Menschen, und Menschen sagen den ganzen Tag irgendwelche Dinge.“ erwiderte die Mutter, offensichtlich nicht sehr erfreut, sich über dieses Thema unterhalten zu müssen.
„Aber das muss doch eine Bedeutung haben!“ rief das kleine Schwein.
Die Mutter seufzte. „Immer muss alles eine Bedeutung haben! Hör auf, dir über das Geschwätz von Menschen Gedanken zu machen! Menschen sind auf dieser Welt, um uns zu füttern, uns zu säubern und uns ein behagliches Heim zu gewährleisten. Zu sonst nichts sind sie gut.“
„Aber warum tun Menschen das?“ Wollte das kleine Schwein wissen.
Die Mutter seufzte erneut. „Es gibt in diesem Laden ein paar verrückte Menschenversteher, die dir das genau erklären können. Frag die doch. Aber glaub den Quatsch nicht, den sie erzählen. Das sind alles Spinner. So, und jetzt lass mich mein Verdauungsschläfchen halten...“
So ging das kleine Schwein auf die Suche nach den Menschenverstehern, um mehr über den Sinn des Lebens zu erfahren. Und tatsächlich, nachdem es sich einige Tage lang durchgefragt hatte, stand es einem größeren Schwein gegenüber, das - sollte man den Geschichten glauben - wirklich sehr viel über die Menschen und die Welt wusste.
„Sag mir, was es bedeutet, dass ich die Sonne nicht sehen werde!“ forderte das kleine Schwein den Menschenversteher auf.
„Ah, du hast den bösen Satz gehört!“ antwortete der Menschenversteher.
„Wieso ist es ein böser Satz, wenn ich höre, dass ich die Sonne...“
„Ruhe!“ rief der Menschenversteher. „Du bist noch zu jung, um die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber glaube mir, wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst, wirst du lernen und eines Tages auch wissen. Nur so viel zu Beginn: Der Mensch erschuf das Paradies, in dem wir leben, und er ließ es uns darin an nichts mangeln. Der Mensch füttert uns, säubert uns, pflegt uns und behütet uns. Darum müssen wir den Menschen loben und ihm dankbar sein!“
„Aber die Sonne...“ wollte das kleine Schwein erneut wissen.
„Hör auf mit der Sonne!“ deklamierte der Menschenversteher feierlich. „Die Sonne ist ein Trugbild, erfunden von denen, die uns davon abbringen wollen, den Menschen zu loben und ihm dankbar zu sein. Die Sonne ist nichts, verglichen zu dem, was du hier siehst. Die Sonne ist ein Licht, das nur selten zu sehen ist, wohingegen hier permanent sehr viel mehr Licht ist. Die Sonne wärmt dich nur gering, und das auch nicht dauernd und zu jeder Jahreszeit, wohingegen hier permanent Licht und Wärme ist. Und all dies haben wir dem Menschen zu verdanken, auf dessen Geheiß hier überall Licht, Wärme und Futter ist. Darum, lobe den Menschen, und sei dankbar für alles, was er für dich tut!“
„Warum reden Menschen über die Sonne?“ versuchte das kleine Schwein den Redeschwall des Menschenverstehers zu unterbrechen, was diesen nur dazu bewog, lauter zu werden.
„Der Mensch ist mächtiger als die Sonne, denn die Sonne existiert nur ein mal, das Licht des Menschen jedoch existiert immer und überall, wo immer er es erscheinen lässt. Gehe mit offenen Augen durch die Welt, erkenne diese einfache Wahrheit und sei dem Menschen dankbar, dass du nicht in Dunkelheit und Kälte leben musst wie die Wilden im Wald!“

 





Vier Variationen über Rumpelstilzchen

oder

Was du an einer Geschichte sicher nicht magst,
das du an vielen Geschichten bitter beklagst!

1.
Doktor. Rompo Stills, Psychiater in Wien


Doktor Rompo Stills, einer der größten Psycho-Analytiker im Wien der 1920er Jahre, blickte verdrossen auf die Uhr. Sein nächster Patient war in gewisser Weise berühmt, und er hatte fest zugesagt, ihm bei einem großen Problem zu helfen. Eigentlich hatte Doktor Stills das nicht nötig; andererseits war er von den Pseudo-Problemen seiner prominenten Kundschaft so gelangweilt, dass er – wie er es in einer kurzen Selbst-Analyse festgestellt hatte – dringend Abwechslung brauchte. Dass der Patient sich inkognito angemeldet hatte, machte die Angelegenheit noch interessanter. Doktor Stills hatte seine Sprechstundenhilfe und die Reinigungskraft nach Hause geschickt, um dem Wunsch seines Patienten zu entsprechen.
Doktor Stills erhob sich von seinem Denksofa (so nannte er es nur, wenn ihn keiner hören konnte – hatte man doch als Psychiater einen Ruf zu verlieren) und ging, die freudige Erwartung eines neuen Falles gekonnt als Projektion seiner eigenen Wünsche verdrängend, auf die mit Leder gepolsterte Tür seines Behandlungszimmers zu. Einen Moment zögerte er noch, die Tür zu öffnen, denn was wäre, wenn nicht die freudige Erwartung eine Projektion wäre, sondern die Verdrängung, sozusagen als Sublimation einer indifferenten Kastrationsangst?
Doktor Stills hielt kurz inne. Nein, das konnte nicht sein. Er beschloss, einfach nur mit wissenschaftlicher Sachlichkeit – und sonst nichts - seinen Patienten zu analysieren, ihn zu beraten und ihm den Schlüssel für die Selbstheilung in die Hand zu geben. Das war die Stills-Methode; hierfür war er in der ganzen Welt als führende Kapazität auf dem Gebiet der Psycho-Analyse berühmt geworden.
Bevor er den aufkeimenden Gedanken an so viel Eitelkeit unter dem Aspekt des Ichs oder Über-Ichs und dem daraus resultierenden Kampf des triebhaften Menschen mit seinem zivilisatorisch konstruierten Moral-Empfinden erörtern konnte, traf Doktor Stills die sich plötzlich öffnende Tür direkt an der zerfurchten Denkerstirn. Finsternis breitete sich im Bewusstsein des Genies aus, noch bevor er den Boden berührte.

 



Intermezzo

„Das war jetzt aber… Eine ganze Menge!“ stöhnte Jack und klopfte sich auf den Bauch.
„Ja, das war eine Menge. Und es war gut. Wirklich, so viel und so gut hatte ich lange nicht mehr gegessen!“ bestätigte Will.
Jack grinste. „Ich sagte doch, irgendwann lohnt sich der ganze Aufwand. Und du wolltest es nicht glauben! Wir, die berühmten Gelehrten aus Europa, sind endlich da angekommen, wo wir hin gehören!“
„Ich muss mich entschuldigen. Wer hätte das gedacht, wir treffen endlich unseren unbekannten Wohltäter, und der verköstigt uns nicht nur, sondern lässt sich auch noch Geschichten erzählen. Und dann gibt der uns noch was dafür!“ meinte Will.
Jack dachte nach. Natürlich ist so etwas nach dem Essen immer eine unergiebige Sache. Wahrscheinlich kam er aus diesen Gründen zu gewissen unerfreulichen Schlüssen. „Mr. Hansen ist wirklich sehr großzügig. Normalerweise machen Menschen so was nicht ohne Hintergedanken. Erinnerst du dich an diesen Wahnsinnigen in Chicago, er hieß wohl H.H. Holmes...“
„Nie davon gehört.“
Jack dachte weiter nach. „Er war ein Massenmörder. Aber er hat seine Opfer nicht einfach umgebracht, sondern ein Hotel gebaut, in dem es ein luftdichtes Zimmer gab. Da hat er dann Gas hinein geleitet… Und im Keller gab es eine Badewanne mit Säure, darin hat er seine Opfer aufgelöst...“
Will öffnete ein Fenster, was problemlos möglich war. Dann sah er seinen Bruder an und schüttelte den Kopf. „Was du wieder denkst!“
„Es hätte ja sein können, dass Hansen ein Nachkomme von Holmes ist!“ meinte Jack, beruhigt darüber, dass man doch keinem Massenmörder in die Hände gefallen war.
„Mit Sicherheit nicht.“ sagte Will und prüfte die Zimmertür. Sie ließ sich auch problemlos öffnen. „Aber wir fragen ihn bei Gelegenheit. Momentan sollen wir uns hier einleben und die feinen Sitten genauer kennenlernen, und heute Abend lernen wir einen sehr reichen Menschen kennen, sozusagen ein Gast von Mr. Hansen.“
„Ich wette, den will er umbringen!“ überlegte Jack.

 




 Hans hat immer noch Glück

Hat sich eigentlich nie jemand gefragt, ob nach dem Ende einer großen Geschichte einfach alles aufhört, oder ob es da erst richtig anfängt…?

Hans saß abends immer noch neben dem Brunnen und lachte, während er sich die schmerzende Schulter rieb. Der Stein war wirklich sehr schwer gewesen, die aus dem Herumtragen resultierenden Beschwerden würden noch eine Weile anhalten. Zum Glück war der Stein in den Brunnen gefallen, so dass die elende Plackerei jetzt ein Ende hatte.

Kurz vor der Abenddämmerung kam ein Fremder vorbei, der es sich nicht nehmen ließ, von Hans wissen zu wollen, warum er so glücklich aussah.

„Ach...“ sagte Hans, „das ist schnell erzählt. Ich habe den Stein verloren, der mir solche Schmerzen in der Schulter verursacht hat… Stundenlang habe ich das zentnerschwere Ding durch die Gegend getragen, bis ich nicht mehr konnte!“
Der Fremde schüttelte den Kopf. „Wie, du hast einen Stein durch die Gegend getragen? Hier liegen überall Steine herum. Nimm dir irgendeinen, kurz bevor du zu Hause ankommst! Oder war es ein besonderer Stein?“
Hans dachte nach. „Nein, eigentlich nicht. Ein normaler Stein, wie er auch hier neben der Straße liegt…“
„Und so was trägst du stundenlang mit dir herum? du scheinst ja ein echtes Genie zu sein!“
Hans verstand nicht, was der Fremde meinte, aber er lachte. „Was ich doch für ein Glück habe! Ich verliere einen Stein, und finde gleich wieder einen neuen!“ Er wollte schon den Stein, den er neben der Straße hatte liegen sehen, aufheben, da kam ihm in den Sinn, dass das eigentlich gar nicht nötig wäre, sollte man den Worten des Fremden Glauben schenken.
„Es gibt überall solche Steine?“ fragte Hans noch einmal zur Sicherheit.
„Überall. Mach die Augen auf, und du findest Steine in jeder Form, Farbe und Größe. Meinetwegen auch so einen wie den hier neben der Straße!“ erwiderte der Fremde amüsiert.
„Und die kann man sich einfach so nehmen?“
„Warum denn nicht? Meinst du, irgendwer rennt dir hinterher und schreit: „Gib mir meinen Stein zurück… Haltet den Dieb…?“
Hans dachte nach. Irgendetwas stimmte hier nicht! Wenn er nur herausfinden würde, was es war...
„Warum bist du eigentlich so versessen auf Steine?“ wollte der Fremde wissen.
„Oh, es sind weniger die Steine, als das, was sie einem Wert sind. Ich bekam meinen Stein eigentlich nicht geschenkt, oder habe ihn einfach vom Straßenrand geholt. Ich habe ihn gegen eine Gans getauscht!“
Der Fremde musste sich setzen. „WAS? Gegen eine Gans? Einen Stein, den man einfach überall hier herumliegen sieht… Und den tauschst du gegen eine Gans? War sie wenigstens alt, krank oder schon tot?“
„Nein, sie war groß und wohlgenährt, und wenn ich so darüber nachdenke, war es auch keine gute Idee, das Schwein herzugeben, um sie zu bekommen!“
Der Fremde sah Hans entgeistert an. „Du hast, um eine Gans zu bekommen, ein Schwein hergegeben? Sag mal, mit dir Geschäfte zu machen, muss ja ein reines Vergnügen sein!“
Hans dachte weiter nach. Irgendwie schien der Fremde Recht zu haben. „Das Schwein habe ich auch nicht gerade umsonst bekommen, ich habe es gegen eine Kuh...“
„Jetzt reicht es mir aber!“ rief der Fremde. „Du willst mich wohl für dumm verkaufen. Niemand ist so blöd und macht solche Geschäfte. Du hast dir das alles nur ausgedacht, um mich zum Narren zu halten, gib es zu!“
„Nein...“ erwiderte Hans, und er fühlte sich auf einmal nicht mehr sehr glücklich. „Nein, das würde ich niemals tun. Aber mir wird gerade klar, dass ich heute einige Fehler gemacht habe. Denn ursprünglich, heute Morgen, hatte ich einen Klumpen Gold...“
„Jetzt wird es mir aber zu dumm!“ rief der Fremde dazwischen. „Morgens einen Klumpen Gold, abends einen Klumpen Dreck. Das kann doch nicht wahr sein!“
„Entschuldige, Fremder, ich weiß, dass das alles unglaublich klingt. Und ich habe noch nicht mal mehr den Stein, denn der ist mir in den Brunnen gefallen...“
Der Fremde stand auf und sah Hans zornig an. „WAS??? In den BRUNNEN??? Du schmeißt deinen dreckigen Stein in meinen Brunnen??? Sag mal, das kann doch nicht wahr sein!“
Hans erschrak. „Ich wusste nicht, dass es ihr Brunnen war. Wirklich. Normalerweise gehören Brunnen doch der Allgemeinheit...“
„Ach, und selbst wenn das so wäre, dann darf man einfach seinen Dreck in jeden Brunnen schmeißen?“ rief der Fremde erbost.
„Es war doch keine böse Absicht. Der Stein war alles, was ich noch besessen habe, und nun liegt er am Grunde des Brunnens...“ Hans fing an zu heulen, und der Fremde machte für kurze Zeit den Eindruck, etwas freundlicher gesinnt zu sein.
Das sollte allerdings ein Irrtum sein.
„Hör zu, Bursche. So dumm, wie du dich stellen willst, kannst du nicht sein. Du schmeißt einfach irgendwelchen Dreck in meinen Brunnen. Was glaubst du, was es kostet, den Brunnen wieder sauber zu bekommen? Ich muss das Wasser ablassen, einen Brunnenputzer hinunter schicken – und glaube mir, da einen Termin zu bekommen, ist nicht einfach – und am Ende muss der Stein dann noch fachgerecht entsorgt werden. Weißt du, was das kostet?“
„Nein...“ sagte Hans ziemlich kleinlaut.
„Geld scheinst du nicht zu haben. Also mache ich dir ein faires Angebot: Arbeite die Unkosten für die Brunnensäuberung einfach ab. Wie wäre das?“
„Oh, das ist aber nett…“ erwiderte Hans. „Was habe ich doch für ein Glück, dass ich an einen so verständnisvollen Menschen geraten bin...“
Der Fremde winkte ab. „Ist ja gut. Ich meine, ich könnte dich auch wegen Brunnenverschmutzung anzeigen, dann sitzt du am Ende im Gefängnis, und keiner hat was davon. Also, komm schon mit, ich zeige dir deine Arbeit, und ein Plätzchen zum Schlafen findet sich bestimmt noch auf dem Dachboden!“



 
Der Frosch


Vor einiger Zeit spielte eine recht infantile Prinzessin vor einem Brunnen mit ihrem goldenen Ball herum. Und weil sie nicht nur infantil, sondern auch noch ungeschickt war, fiel der Ball (Murphy´s Gesetz!) in den Brunnen hinein. Noch bevor die Prinzessin darüber nachdenken konnte, was denn nun zu tun sei, kletterte ein ziemlich großer Frosch aus dem Brunnen heraus. Er sah die Prinzessin an, und ohne auf irgendwelche Höflichkeistfloskeln zu achten, quakte er sofort los: „Endlich habe ich mal einen von euch erwischt! Ihr glaubt wohl, man könnte mir einfach jeden Dreck in den Brunnen schmeißen, schließlich bin ich ja nur ein Frosch, und als solcher habe ich nichts zu melden. Aber so nicht! Du bleibst jetzt hier, bis die königliche Polizei kommt, und dann werde ich dich anzeigen! Und dann werde ich dich auf Schadensersatz verklagen, dass du mit dem Arsch nicht mehr hochkommst! Ich sage dir, Fräulein, wenn ich und meine Anwälte mit dir fertig sind, kannst du auswandern...“ so quakte der Frosch noch eine ganze Weile daher. Die Prinzessin war zuerst wütend über das dumme Zeug, das der Frosch da von sich gab, aber dann wurde ihr klar, dass hier endlich mal einer mit ihr sprach, der nicht zu ihres Vaters Hofschranzen gehörte. „Dieser Frosch“ so dachte sie sich „nimmt kein Blatt vor den Mund, und das gefällt mir - obwohl er unhöflich ist, aber er ist nun mal ein Frosch, und man weiß ja, wie Frösche so sind.“
Nachdem der Frosch also endlich mit seinem Gequake fertig war, offenbarte ihm die Prinzessin, wer sie war, und dass der goldene Ball keineswegs aus böser Absicht im Brunnen gelandet war. Wenn der Frosch wolle, so fuhr sie dann fort, könne sie veranlassen, dass eine Brunnenputzerkolonne unter Leitung eines erfahrenen Putzmeisters den Brunnen ordentlich durchputzen würde. Und in der Zwischenzeit könne der Frosch ja - sofern es ihm behage - im königlichen Schloss wohnen.
Der Frosch staunte nicht schlecht, als er hörte, wen er da so beleidigt hatte. Er entschuldigte sich bei der Prinzessin - nicht etwa, weil sie eine Prinzessin war, sondern aus Höflichkeit - und nahm das Angebot, im Schloss zu wohnen, dankbar an.
So kam die Prinzessin mit dem Frosch (wohlgemerkt, dem ziemlich großen Frosch) im Schloss an, wo sie den Frosch gleich ihrem Vater vorstellte. Den traf fast der Schlag, als er die neue Bekanntschaft seiner Tochter sah, und mit gequälter Höflichkeit hieß er den Frosch willkommen. Er ließ ihm sogleich von einem Diener ein Gemach zuweisen, und als der Frosch mit dem Diener verschwunden war, nahm der König seine Tochter beiseite und sagte: „Mein Kind! Du weißt, dass ich dir wirklich jede Dummheit durchgehen lasse. Aber jetzt ist erst mal Schluss! Du kannst doch nicht mit einem Frosch hier aufkreuzen! Wenn einer von den Paparrazzi, die ständig hier herumschleichen, das sieht!“
Aber die Prinzessin, dickköpfig wie sie war, entgegnete ihrem Vater: „Ich habe dem Frosch etwas versprochen, und das muss ich halten! Und den neugierigen Heinis von der Presse kannst du ja sagen, dass wir den Frosch aus humanitären Gründen beherbergen, weil er durch die illegale Müllentsorgung seiner Mitmenschen jetzt keine Bleibe mehr hat. Außerdem ist ein Frosch doch auch eines von Gottes Geschöpfen, und willst du ihn vor die Türe setzten, nur weil er anders ist?“
Da wusste der Vater, wie so oft, nichts mehr zu sagen. Und so lebte der Frosch nun im Palast, wo er durch seinen derben Humor und seine ungehobelten Manieren bald zu dem Partyschreck wurde, den man insgeheim schon so lange in der königlichen Hofgesellschaft vermisst hatte. Das ging einige Wochen halbwegs gut, aber dann passierte etwas Schreckliches.
Nach einer besonders wilden Party traf es sich, dass sowohl der Frosch als auch die Prinzessin ziemlich besoffen waren und beide ins Gemach der Prinzessin verschwanden. Das wäre ja gar nicht sooo schlimm gewesen, aber dummerweise hatte die alte Kathrin alles (oder das, was sie für alles hielt) gesehen, und sie tratschte es überall herum. Und am nächsten Morgen, besser gesagt am nächsten Mittag, zitierte der König sein Töchterlein zu sich ins Büro. Überflüssig zu erwähnen, dass der König mit den Nerven fertig war.
„Mein Kind...“ schluchzte er, „wie kannst du mir nur so etwas antun!“
„Was denn?“ fragte die noch etwas schläfrige Prinzessin.
„Was? Du fragst was? Ich will es dir sagen! Bist du nicht gestern Nacht mit dem Frosch in deine Gemächer verschwunden?“
„Ach so, das...“ versuchte die Prinzessin zu erklären.
„Jetzt komm mir nicht so!“ sagte der König, und man merkte ihm an, wie peinlich ihm das alles war - ganz im Gegensatz zu seiner Tochter.
„Also, du bist mit diesem ... Frosch in dein Schlafzimmer... und dort hat man dann ... Geräusche gehört. Sehr verdächtige, um nicht zu sagen, eindeutige Geräusche! Und heute morgen hast du das Bild von Erwin, dem preisgekrönten Zuchtstier, aus deinen Gemächern entfernen lassen! Das ist wohl noch eindeutiger!“
„Waaas?“ rief da die Prinzessin, der langsam klar wurde, was ihr Vater meinte.
„Ich habe doch nicht... also wirklich, doch nicht mit einem Frosch!“



 Intermezzo

Mr. Robert Hansen, Goldminenbesitzer, Förderer der Künste, Liebhaber guter Weine, Freund der kulinarischen Genüsse (und wieviele Titel er sich selbst sonst noch gegeben haben mochte) saß in der Lobby des Renaissance Pittsburgh und hielt nach seinem Geschäftspartner Ausschau. Jack und Will saßen neben ihm und bemühten sich, genau den selben beiläufig-gelangweilt-interessierten Blick zu imitieren, den Hansen mühelos durch die Weite der Halle schweifen ließ. Nach einigen Minuten des angestrengten Nichtstuns, unterbrochen von Übungen in wichtigtuerischer Mimik, kam ein Hotelpage mit einer Nachricht für Mr. Hansen vorbei.
Mr. Hansen nahm missmutig den Briefumschlag vom Silbertablett und steckte dem Pagen gelangweilt eine Dollarnote zu. Jack und Will bewunderten ihn für die Selbstverständlichkeit, mit der er solche Dinge tat. Sie würden noch lange brauchen, bis es bei ihnen selbst genau so perfekt aussah.
„Ja, er kommt wohl heute nicht mehr… Dringende Geschäfte!“ seufzte Hansen, nachdem er die Nachricht gelesen hatte. „Dann werden wir uns wohl zu weiteren Exerzitien in unsere Suite zurückziehen müssen, meine Herren!“



 Die Geschichte von Prosit und Profit
Ein postmondänes Märchen

Einst - es ist nach gar nicht so lange her‚obwohl das eigentlich egal ist - verblich ein Vater und hinterließ seinen beiden Söhnen zu jeweils gleichen Teilen sein Vermögen.
Beide erhielten also von des Vaters Geld exakt die Hälfte.
Was sie damit anstellten, kann man sich wohl denken. Falls nicht, so soll es hier erwähnt werden.
Der Ältere van beiden Lümmeln war deren ein rechter. Den ganzen Tag saß er in der Wirtschaft (hier im Sinne von Kneipe) und betrank sich. Hinterher tat er dann noch‚ so er dazu in der Lage war‚ andere Dinge, die zu erwähnen sich in einem Märchen nicht schicken. Diesen wollen wir Prosit nennen.
Der Jüngere aber – den wir ab hier als Profit bezeichnen wollen - der war wohlgeraten: Den ganzen Tag arbeitete er in seinem Büro, denn er hatte eine gute Position in der Wirtschaft (hier im Sinne von Industrie).
Beide Brüder hatten wenig Kontakt zueinander, denn der eine war voll und ganz nur auf sein persönliches Vergnügen bedacht, während der andere sich damit rühmte, etwas für die Allgemeinheit zu tun.
Brüderchen Prosit saß also jeden Tag länger in der Wirtschaft und trieb seine Unschicklichkeiten. Er amüsierte sich, dass - wie er sich in seiner bäuerlich - derben Art auszudrücken pflegte - die Schwarte krachte‚ was auch immer damit gemeint gewesen sein sollte. Er hatte alsbald viele gute Freunde, denn er war nicht geizig. Wann immer er in die Wirtschaft ging, war seine Börse prall gefüllt‚ und er lud alle Freunde und erst recht die, die sich dafür hielten‚ ein. Der Wirt konnte sich schon bald nach Brüderchen Prosits Erbschaft ein teureres Auto leisten‚ denn sein Gewinn stieg gewaltig.
Solch unvernünftiges Treiben mochte der andere Bruder aber nicht gerne sehen. Doch war am willen des verstorbenen Vaters nicht zu rütteln. Zu Kummer über die Uneinsichtigkeit der Nachlassgerichte und psychiatrischen Kliniken stürzte sich Bruder Profit in die Arbeit. Von nun an verbrachte er noch mehr Zeit in seinem Büro und arbeitete wie noch nie ein Mensch zuvor. Bald hatte er in seiner Firma eine sehr verantwortungsvolle (und gutbezahlte) Position, und der Gewinn stieg in ungeahnte Höhen. Die Aktien seiner Firma konnten gar nicht schnell genug gedruckt werden, so gut verkauften sie sich an der Börse. Auch Profit hatte alsbald jede Menge guter Freunde‚ die ihn in den Vorstand der Firma beriefen. Und so drehte sich das Karussell aus Arbeit, Gewinn, Verantwortung und Aufstieg in höhere Klassen des Managements für Brüderchen Profit immer schneller. Sein Bankkonto wurde immer dicker, die Sparbücher platzten aus allen Nähten und die festverzinslichen Wertpapiere stapelten sich in Profits Wohnung‚ so dass bald kein Platz mehr für Möbel war. Aber das machte nichts - war Profit doch nur noch zum Schlafen zu Hause, und dafür genügte eine Matratze. Übertriebener Luxus, so fand er, lenkte nur vom Sinn des Lebens ab: Arbeiten und Geld verdienen.




 Als Gott einmal Langeweile hatte

Vor gar nicht so langer Zeit langweilte sich Gott entsetzlich. Um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen, beschloss er etwas Neues zu kreieren. Er nahm sich etwas Knetgummi und knetete ein Wesen mit einem Arm, einem Bein, einem Auge und einem Ohr. Dieses Wesen nannte er nicht etwa Krüppel, sondern Mensch.
Weil Gott auch noch den Drang verspürte, etwas ungeheuer Geistreiches zu sagen, sagte er: "Tue Gutes, sehe Gutes, höre Gutes und rieche gut." Zumindest das letzte war unmöglich, weil Gottes neuer Liebling keine Nase hatte. Was soll's, auch ein Gott kann mal etwas vergessen.
Weil sich Gott mit der vielen Kneterei und dem salbungsvollen Geschwätz fürchterlich verausgabt hatte, legte er sich zur Ruhe. Dummerweise hatte er vergessen, die Alarmanlage von seinem Labor einzuschalten, so dass der Teufel in Gestalt eines Aktionskünstlers dort ungestört hineinspazieren konnte. Sofort bemerkte er das seltsame Wesen, und Mitleid keimte da in seiner Un-Seele auf.
Er knetete noch einen Arm dazu, ein Bein, ein Ohr und ein Auge. Auch die Nase vergaß er nicht, und zum Schluss kam noch ein Mund dazu, denn auch darauf sollte der Mensch nach des Teufels Willen nicht verzichten. Und weil auch der Teufel das unstillbare Bedürfnis hatte, etwas Bedeutendes zu sagen, murmelte er: "Tue, was dir Spaß macht, lass dich nicht immer von dem Guten blenden, denn meistens ist nicht viel dahinter, und in ein paar Jahren hast du sowieso andere Ansichten über die Dinge. Lass dich nicht von Schmeichlern einseifen. Und wenn du eine Spur von Charakter hast, riechst du auch, wie du willst. Und wenn dir irgend jemand was erzählt, was dir nicht passt, dann sag es ihm, dafür hast du deinen Mund. So, das wär's, mein Lieber."
Der Teufel verschwand. Wenig später wurde Gott wach, und vertrottelt wie er war (kein Wunder, in dem Alter!) merkte er nicht, dass der Mensch sich ganz schön verändert hatte. Und weil er Gott immer noch gefiel, beschloss dieser, einen ganzen Haufen Menschen über der Erde auszustreuen.




 Jedem das Seine – und alles für mich!

Einst – es war nach einer großen Pleite, aber das ist eigentlich egal – lief ein arbeitsloser Hedgefonds-Manager durch die Landschaft und überlegte sich, was er mit seinem Leben anfangen konnte. Als Hedgefonds-Manager hatte er die besten Zeiten hinter sich, und das schon lange. Der nächste New-Economy-Blase würde leider ohne ihn platzen müssen. Und mehr als ein Hedgefonds-Manager zu sein hatte er nie gelernt. Also zog er ziellos durch das Land, um eine halbwegs für ihn passende Aufgabe zu finden, was allerdings sehr schwer war. Wo auch immer er sich umsah, überall war schon jemand, der etwas besser konnte als er, es billiger machte, oder aufgrund seines Status als Einheimischer einen besseren Stand hatte.

So lief er immer weiter, bis er in ein Land kam, in dem alles größer und besser war, und dort sollte er eine Menge seltsamer Menschen kennenlernen.
Er kam also durch einen Wald und sah einen riesigen, unglaublich starken Mann, der Bäume ausriss.
„He, du bist aber ein starker Kerl. Einen solch großen Baum auszureißen, dazu gehört die Kraft von mehr als hundert Männern!“
„Ja, ich bin schon ziemlich stark. Genau genommen, bin ich der stärkste in meiner Familie. Und in meiner Familie sind alle ziemlich stark… Schau mal, den Baum da drüben, der viel kleiner ist… Siehst du den?“
„Ja.“
„Den könnte der Zweitstärkste in unserer Familie noch ausreißen. Ich würde das mit einer Hand schaffen, aber mein kleiner Bruder müsste voll zupacken, mit beiden Händen. Ja, wir sind eine prächtige Familie, aber ich bin bei weitem der prächtigste!“
„Na, so ein starker Kerl wie du – der hat doch etwas besseres im Leben verdient als im Wald herumzulaufen und Bäume auszureißen!“
„Mag sein, aber momentan läuft es im Holzgeschäft sehr gut. Eigentlich läuft es da immer sehr gut. Man braucht immer Holz, zum Bauen, zum Feuer machen, um Nippes daraus zu schnitzen...“
„Komm doch mit mir, zusammen können wir sicher viele Abenteuer erleben und viel Geld machen. Was meinst du?“
„Ich meine, dass ich auch alleine ganz gut zurecht kommen kann. Wozu brauche ich einen wie dich? Du bist eine halbe Portion, und du wirst mir nur auf der Tasche liegen. Du glaubst wohl, weil ich den ganzen Tag im Wald arbeite, bin ich ein Dummkopf?“
Das war also leider nichts geworden, dachte sich der Hedgefonds-Manager. Zum Glück war der Tag noch jung, und so lief er weiter, bis er den nächsten seltsamen Menschen sah.
Er lief über eine Wiese und sah einen kleinen, dünnen Kerl, der unglaublich schnell rennen konnte.



 Intermezzo

„Das Leben ist zu kompliziert“ resumierte Jack. „Ich meine, wir haben alles versucht. Und es ist wenig dabei rausgekommen. Dieser Hansen hat das ganze Geld...“
„Wir wollen ehrlich sein. Er hat uns auch etwas gegeben.“ gab Will zu bedenken.
„Ja, ein Trinkgeld. Um wieviel hat er diesen Kerl betrogen?“
„Jack, es war ein reicher Kerl. Schon vergessen, die kommen alle in die Hölle. Und die, die sie bestehlen, tun ein gottgefälliges Werk!“
„Habe ich das jemals gesagt?“ wollte Jack wissen.
„In der Tat, das hast du! Vor noch nicht mal zwei Wochen!“
Jack schüttelte ungläubig den Kopf. „Da muss ich besoffen gewesen sein!“
„In der Tat, so könnte man das sehen...“
„Und jetzt?“
Will musste nicht lange nachdenken, um eine Antwort zu geben. „Wir haben immer noch die Bücher. Es sind noch genug übrig, um in eine andere Stadt zu fahren. Das mit den großen Gelehrten aus Europa hat ja mal geklappt, wenn auch mit Schwierigkeiten. Aber beim zweiten Anlauf kriegen wir das garantiert schneller hin.“
Jack nickte gönnerhaft. „Ah, auf einmal war es doch eine gute Idee! Nett, dass man mir das endlich mal zugesteht!“
„Wenn etwas funktioniert, ist es immer eine gute Idee!“ erwiderte Will. Überhaupt hatten die beiden – je nach Lage der Dinge – so oft ihre Meinung bezüglich der Bücher und des damit verbundenen seltsamen Vermarktungskonzepts geändert, dass sie selbst nicht mehr wussten, wer ursprünglich welche Idee und welche Meinung gehabt hatte.
„Ob wir Mr. Hansen eines Tages wieder begegnen?“ fragte Jack nach einer Weile.
„Meinst du, Mr. Hansen war wirklich ein Betrüger?“
„Was denn sonst!“
Jack erschien diese Lösung zu einfach. „In seinem Zimmer habe ich jede Menge Papier gesehen. Und eine Schreibmaschine. Und er schrieb auch immer ziemlich viel. Ich glaube, er war in Wahrheit ein Schriftsteller, der einen Roman über Betrüger schreiben wollte...“




 Protokoll eines unvergesslichen Tages mit dem Autor Robert Hansen


Wollten Sie nicht schon immer wissen, was ein Schriftsteller den ganzen Tag so treibt?
Ist es nicht faszinierend, sich vorzustellen, wie ein einsames Genie zu den Ideen findet, die den Lesern nicht nur Unterhaltung, sondern auch geistige Erbauung schenkt?
Die Wahrheit sieht leider ganz anders aus. Aus diesem Grund kommt hier die einzig wahre Wahrheit über das Leben eines sogenannten Künstlers, und ich hoffe, dass alle Klischees bedient werden – immerhin liest man hier in einem Märchenbuch...


06:35 Der Autor Robert Hansen verlässt seine Schlafstätte. Auf seinem Gesicht sind noch deutlich die Spuren der letzten Nacht zu sehen. Er versucht weiter zu schlafen, was aber angesichts des unerbittlich klingelnden Weckers nicht gelingt.

06:45 Der Autor Robert Hansen wankt in das Badezimmer, sieht aus Versehen sein Spiegelbild und erschrickt.

06:46 Der Autor Robert Hansen hat sich erholt. Zu seiner großen Erleichterung stellt er fest, dass es sich tatsächlich nur um sein Spiegelbild handelt. Trotzdem verlässt er das Badezimmer ohne die morgendliche Toilette auch nur zu beginnen (wie fast Jeden Tag). Wahrscheinlich um sich wieder ins Bett fallen zu lassen.

07:56 Wir müssen erstmals einschreiten. Unser Team aus fünf Möbelpackern, einem staatlich geprüften Müllmann, einem Motivationstrainer und einem Verwaltungsfachangestellten als neutralem Beobachter greift sich den schnarchenden Autor und schleppt ihn an seinen Schreibtisch, wo er trotz heftiger Gegenwehr am Ende doch zum Schreiben überredet werden kann.

09:30 Der Autor Robert Hansen sitzt nun seit über einer Stunde an der Schreibmaschine und schläft. Er würde das natürlich nie zugeben. Er würde vielleicht etwas von Inspiration faseln, wenn man ihn aufwecken würde. Er würde mit Sicherheit einen Wutanfall bekommen, über alle Ausbeuter dieser Welt schimpfen, sich selbst als Opfer in der gefühllosen Maschinerie des Literaturbetriebs deklarieren und was weiß ich noch alles von sich geben, das man sich besser nicht anhören sollte. Deswegen lassen wir ihn lieber schlafen.

11: 45 Der Autor Robert Hansen hat gerade seinen ersten Buchstaben zu Papier gebracht. Es ist ein O. Oh, wie wunderbar.
Nein, er greift, zum Tipp-Ex.

(Zwischenbemerkung: Der Autor Robert Hansen weigert sich, mit modernem Gerät zu schreiben. Seiner Meinung nach ist eine Remington Standard No. 7 jedem Computer überlegen. Wenn wir ihn fragen würden, ob er das wirklich ernst meint, würde er uns erzählen, dass Computer nur zur Verdummung der Menschheit beitragen und deswegen verboten werden sollten. Deswegen fragen wir nicht.
In Wahrheit schreibt er auf diesem Ungetüm, weil seine Manuskripte dann im Verlag abgetippt werden müssen, was die Personalfluktuation in dieser Abteilung unnötig erhöht. Das macht Robert Hansen Spaß, man sollte ihn mal aufnehmen, wenn er in besoffenem Zustand damit prahlt, wie sehr er sich über die „dummen Schnepfen“, die seine Machwerke abtippen müssen und denen davon schlecht wird, amüsiert.)

Er denkt nach, die Spannung steigt….. ins Unermessliche. Er bewegt …..seinen rechten Zeigefinger suchend über die Tastatur, und jetzt…..nein, er reißt….. ihn im letzten Moment….. zurück….. schließt, sinnend wie ein Zen-Meister die Augen und berührt….. wie zufällig eine Taste. Es ist das R. R! R! RRRRRRR!



 
Die Glücklichen mit den vielen Macken

Einst lebte eine Familie - bestehend aus dem alten Großvater, seinem Sohn, der angeheirateten Ehefrau und dem kleinen Enkel - in einem großen Haus.
Der Enkel sah nun eines Tages, wie sein Vater in die Garage ging, um dort etwas zu bauen. Natürlich wollte er wissen, was es damit auf sich hat, und fragte seinen Vater danach.
Dieser machte zuerst ein betrübtes Gesicht, dann versuchte er, seinem Enkel etwas zu erklären, das wohl nicht so einfach zu erklären war.
„Schau mal, dein Opa… der ist doch schon ziemlich alt.“
„Ja, aber alt werden wir alle mal sein.“
„Aber Opa ist nicht nur alt, sondern auch… etwas unappetitlich. Wenn wir unter uns sind, ist es kein Problem, dass er sabbert und schlecht riecht. Wenn Gäste kommen, dann ist es schon peinlich.“
„Ach, deswegen machst du immer so ein Gesicht, wenn Opa mal sein Gebiss aus dem Mund fällt...“
„Ja. So was gehört sich nicht. Opa könnte doch eine bessere Gebiss-Haftcreme benutzen. Aber er tut es nicht. Es ist ja nicht so, dass es beim gemeinsamen Essen nur ums Essen geht. Ich muss mit wichtigen Leuten reden. Das nennt man Geschäftsessen. Da ist so ein Opa, dem beim Essen das Gebiss aus dem Mund fällt, nicht mehr lustig. Wenn du mal groß bist, wirst du es verstehen.“
„Aber man könnte den wichtigen Leuten doch sagen, dass Opa einfach nur alt ist und es nicht gerne macht, oder um sie zu erschrecken, sozusagen als Spaß...“




Das letzte Gedicht


Seht euch an den Dichter!
Aus dem Mund da riecht er,
Hört Heavy-Metal stundenlang
Und schwingt dazu die Kabelzang´
Ein ernsthaft Wort zu Papier gebracht
Hat er wohl zuletzt zur Silvesternacht
Im Jahre 1997 -
Und selbst das war abgeschrieben.
(Und fragt nicht, wie´s mit dem Reimen steht...
Man liest´s, es ist ziemlich verdreht.)
"PFUI" ruft da der Kritiker laut,
"Wie grässlich hier Papier versaut!"
Und wär' ein Teil nicht genug gewesen
So muss man bald den zweiten lesen!


© 2018 A.E. Doll, Th. Doll, Robert Hansen

 

 

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