Jedes Volk hat seine eigenen Märchen. Befasst man sich eingehend mit ihnen, stellt man fest, dass in Europa und weiten Teilen Asiens die verschiedenen Motive sich verblüffend ähneln. Eine Verwandtschaft besteht tatsächlich, die zunächst einmal auf gemeinsamem indoeuropäischem Erbe basiert, aber auch aus Berührungen verschiedener Völker in der Völkerwanderungszeit, in der sich die einzelnen Weltbilder zu mischen begannen.
Viele Märchen sind Zaubermärchen, in denen es um eine Verzauberung geht, die durch Erfüllung bestimmter Bedingungen wieder aufgehoben werden kann.

Abenteuermärchen sind spannende Erzählungen von ungewöhnlichen Abenteuern eines Helden, den schwierigen Aufgaben, die er zu lösen hat, und von den Gefahren, in die er gerät. Helden des Abenteuermärchens sind z.B. der Soldat, der Kaufmannssohn, der Narr oder der Mensch, dem man nichts zutraut. Es sind also realistische Gestalten, die für die Gerechtigkeit und gegen die Falschheit kämpfen. Die Handlung spielt meist im Dorf oder beginnt zumindest dort, also im engen Umkreis, wo jeder jeden kennt. Auch bei den Gebrüdern Grimm kennt man das Märchen vom Soldaten, der den Teufel durch Kühnheit und Klugheit zur Hölle zurückschickt, ohne dass das Böse zum Ziel gekommen ist.

Märchen, die sich mit klugen Antworten befassen, zeigen immer ausgerechnet den, von dem man es nicht erwartet, als Ratgeber und Retter aus verfahrenen Situationen. In den russischen Märchen wird hier noch gezeigt, wie durch den Witz eines einfachen Menschen der Gutsherr oder sogar der Zar bloßgestellt wird. Manchmal greift der "Retter" zu Späßen und Possen. Durch seine spaßigen Sprüche und Wortspiele zeigt er klar seine Überlegenheit dem gegenüber, der ihn als dummen Iwan abstempeln will oder dies bereits getan hat.

Es sind erfundene Geschichten, die sich wie Anekdoten lesen. Oftmals verpotten gerade diese Erzählungen zielsicher die menschlichen Schwächen und - das ist in Russland einmalig - brandmarken die Klassenfeinde.

Es gibt auch noch die Märchen um das "vergnügte Kloster". Hier wird das Klosterleben unter die kritische Lupe genommen. Dabei sind diese Märchen äußerst witzig, obwohl sie Missstände enthüllen. Diese drei Märchengruppen behandeln Alltagsthematik; nichts daran ist so "zauberhaft" oder "hochherrschaftlich" wie unter Zaren, Hofleuten und Feen oder gar Hexen; niemand wird in ein Tier oder eine Pflanze verwandelt, es geht im besten Falle eine innere Verwandlung vor sich, die ja ebenso oder noch positiver zu werten ist, als die leibhaftige Verwandlung. Moralisten findet man nicht; der Erzähler stellt nur die Lage vor, wie er sie in der Märchentradition sieht.

Die nächste Gruppe der Märchen aus Russland befasst sich mit der Historie. Es treten Herrscher auf wie Ivan IV und Peter I, die als demokratische Zaren gezeichnet werden. Die Märchen ranken sich um ein tatsächliches Geschehen.

Man könnte glauben, in Russland sei das Märchen dazu benutzt worden, um einen Bericht historischer Ereignisse festzuhalten. Natürlich geht die Märchenhaftigkeit der Erzählung dabei verloren.

Das Märchen "Nikita, der Gerber" erzählt von einer Begebenheit, die zwischen Märchen, Sage und Erzählung angesiedelt ist. "Das goldene Ei" ist eine ganz besondere Art von Märchen. Hier spielt sich auf dem Hintergrund des überlieferten Märchens eine Tragödie ab: es geht um Teilung, um die hilflose Lage der Bauern. Das Märchen bewahrt also nicht nur Heldentaten, sondern tradiert ebenso eine Geschichte des Leidens und der Ungerechtigkeit.

Tiermärchen gehören zum festen Bestand des russischen Repertoires. Typisch russische Märchen sind "Iwan Zarewitsch und die schöne Maria mit dem schwarzen Zopf" und "Der Herr und der Bauer".

Die Namen der russischen Märchenerzähler sind in die wissenschaftliche Literatur eingegangen. Sie genießen einen verdienen Ruf, denn sie haben den Forschern ein überaus reiches Material "geschenkt". Dabei ist auffallend, dass meist Männer die Tradition weitergaben; man weiß nur von einer berühmten Märchenerzählerin aus Sibirien. Wie dem auch sei: "Mütterchen Russland" hat uns viel zu sagen. Man braucht nur zuzuhören und das Gehörte zu überdenken. Es ist es wert.

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