Antoine de Saint-Exupéry und der Kleine Prinz

".....ein außergewöhnliches und kostbares Wesen, ein gutmütiger und zerstreuter Fürst....." nannten ihn die Kameraden, den "Kleinen Prinzen", den "Großen Saint-Ex", den Dichter und Träumer aus Berufung, der dennoch im Krieg Aufklärungsflieger war. .....Die gelbe Schlange hatte ihn in den Knöchel gebissen, der Kleine Prinz sank in den Wüstensand. Er stand nie wieder auf. Aber er hatte nicht die ganze Wahrheit gesagt, denn er wußte selbst nicht, wo er landen würde nach diesem seltsamen Flug durch Zeit und Raum. Nur halb und etwas zögernd verriet er dem Freund sein Geheimnis. Niemand hätte ihn ganz verstehen können. "Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein." Der kleine Mann wollte seinen Körper abstreifen wie eine alte Hülle, weil er für die Reise zu seinem Planeten zu schwer sein würde. Sein Planet, - das war irgendein Stern im unendlichen All, oder einer von den vielen, auf denen manchmal auch Erwachsene landen möchten. Die offenen Fragen, die der kleine Mann zurückließ, beschäftigten den Flieger Saint-Exupéry lange Zeit. Sechs Jahre später erzählt er das Abenteuer seiner Notlandung in der Wüste, bei dem er die seltsamste Begegnung seines Lebens hatte. Laune des Fliegers, der eine Fliegergeschichte erzählt ähnlich der der Seeleute?! Laune eines Dichters, der als Flieger, dem Ikarus gleich, vom Himmel gefallen war, und der darum das Abenteuer mit dem kleinen Wesen, das aus dem All gefallen war, bestehen kann?! Nein, diese Geschichte war erlebt von einem Menschen zwischen den Welten. Keine Lüge also? War der Kleine Prinz wirklich bei ihm in dieser schlimmen Situation zwischen Leben und Tod? Und wo war er geblieben, als das Flugzeug wieder startklar war? ".. ...Bei Tagesanbruch fand ich seinen Körper nicht wieder." War das die andere Wahrheit? Und wieviel Wahrheiten gibt es überhaupt? Muß zuerst ein Teil des eigenen Ichs sich von der Erde zu den Sternen aufmachen, damit der andere Teil erwachsen wer den und sich entwickeln kann? Aber wohin entwickelt er sich? Seine geistige Entwicklung hat Antoine de Saint-Exupéry verhärtet. Aus seinen Notlandungen lernt er, dass jeder Mensch reift wie eine Frucht um zu verfaulen. Der Kleine Prinz war zum Teil auf der Erde geblieben. Er hieß Antoine de Saint-Exupéry. Antoine war ein behütetes Kind. 1900 geboren, reifte er in einer intakten Familie zu dem Dichter und Flieger aus Leidenschaft, als den man ihn kennt. Er wuchs im vertrauten Reich bei Großmutter, Eltern und Geschwistern auf, in dem er der "Monarch" war. Er wollte vieles wissen wie der Kleine Prinz, der beunruhigt fragt, ob das Schaf, das der Flieger ihm zeichnen soll, auf seinem Planeten seine Blume, für die er eine eigenartige Schwäche hat, fressen könnte? Diese Frage ist wichtig, denn der Verlust der Rose würde den Sinn des Weltalls ändern. Alle Sterne würden ausgelöscht und der Himmel sich verdunkeln. Darum ist er bereit, sein Leben für sie zu geben. Ist das das Geheimnis des Kleinen Prinzen vom andern Stern? Ich denke schon, denn die Kindheit, an die man sich nicht erinnert wie an den Duft einer vollerblühten Rose, kann nicht schön gewesen sein, und es gibt nichts Wichtigeres für den Menschen als eine schöne Kindheit. Der Kleine Prinz ist zugleich belustigt und erstaunt über die Erwachsenen, von denen er sagt: "Kinder müssen mit großen Leuten viel Nachsicht haben!" Die Lehre des Fuchses, die ihm in Erinnerung brachte, dass man Geschöpfe und Dinge zähmen muß, wenn man mit ihnen vertraut sein möchte, ist sehr wichtig; Kinder wissen das. Alles, was sie umgibt, ist erbarmungslos feindliches Leben, das sie, ohne Schaden zu nehmen, erobern können, wenn sie so behutsam geleitet werden, wie der kleine Freund vom Wüstenfuchs. "Man kennt nur die Dinge, die man zähmt!" sagt er. Das Zähmen, wie der Fuchs es beschreibt, ist langwierig. Es erfordert viel Geduld und viel Liebe. Und man darf nie aufhören zu glauben. Aber weil die Menschen Zeit sparen wollen, bemühen sie sich nicht mehr. Ideen und Wissen gehen verloren, und nur die Tiere vermitteln es eines Tages den Kindern. Der Fuchs ist keine komische Figur. Er kennt die Launen der Menschen und erzählt sie dem kleinen Freund. Der Sinn der zauberhaften Erzählung "Der Kleine Prinz" entschlüsselt sich, wenn man Saint-Exupérys Leben kennt, ein Leben, dessen Ende im Ende des Kleinen Prinzen vorhergeahnt ist. Antoine spielte in einem Park mit Alleen und alten Bäumen. Er war ein glückliches Kind, und das war seine erste Chance. Das Kindermädchen aus Lothringen wußte viele Märchen zu erzählen. Antoines Phantasie wurde angeregt. Als er in seiner alten Postmaschine über Land und Meer fliegt, - ohne die Instrumente, die dem heutigen Piloten selbstverständlich sind, - wird sie für ihn ein Mittel zum Überleben, fast wie eine Gnade. Antoine floh nicht in die Zukunft, wie es unglückliche Kinder tun. Seine Phantasie erweiterte die geheimnisvollen Bilder seiner Umgebung, die er mit so viel Lebendigkeit und Wärme vermittelt. Die Familie bewunderte ihn, auch seine vier Geschwister. Seine jüngste Schwester hat später viel über ihn berichtet. Eines Tages hatte er einen Fahrrad-Aeroplan "erfunden" und er wollte, dass die ganze Familie sein Werk begutachtete. "Und wenn ich mit meinem neuen Apparat davonfliege, wird die Menge rufen: `Es lebe Antoine de Saint-Exupéry!`" soll er gesagt haben. Das Genie macht sich schon in dieser schönen Kindheit bemerkbar; der kleine Erfinder ist stolz auf seine Ideen, aber er möchte auch gleichzeitig, dass die Menschen, die er liebt, teil daran haben. Männer sind ohne Schutz, man läßt sie laufen, meint er, aber in der Erinnerung des Herzens offenbart sich die Kindheit als unter einem höheren Schutz stehend. Der Mann ist von Kälte umgeben. Diese Erfahrung holt er sich hoch über dem Wind von der Erde weit entfernt, allein mit der Himmelsleuchte der Flieger, dem Mond, oft in fast aussichtslosen Situationen, die bis an die Grenzen des Menschenmöglichen gehen. Aber es gibt auch Dinge, die man nicht mit den Sinnen erfahren, die man nur mit dem Herzen sehen kann. Darum ist die Begegnung in der Wüste so melancholisch und doch so glücklich. In der Wüste gibt es nur Sand und darüber den Himmel mit Millionen Sternen. Und ausgerechnet in dieser Einsamkeit macht Saint-Exupéry seine größte Erfahrung. In jedem Menschen lebt das Kind, der Kleine Prinz, der eines Tages von seinem Planeten auf die große Erde fällt. Und nicht jeder kann auf seinen Planeten zurückkehren, wenn er einmal diesen Zufluchtsort der Kindheit hinter sich gelassen hat, auch wenn er es sich noch so sehr wünscht. Und eines Tages verläßt der "Kleine Prinz", wie Antoine in der Familie liebevoll genannt wird, seinen "Planeten", (die Geborgenheit). Mit der Erinnerung seines Herzens an die "Rose der Kindheit" dort im Park von Schloß La Môle fliegt er über die "Planeten" (Erfahrungen) hinab zur "Erde" (Wirklichkeit). Dabei erscheinen die Geschichten der Erwachsenen für das Kind oftmals merkwürdig paradox, und dann wird auch er auf einem der "Planeten" nach dem Wohin seiner Reise, nach dem Wohin des Lebens gefragt haben. Auch er wird nicht mehr klug aus dem wirrem Zeug, das die Erwachsenen tun. " 'Was raten Sie mir, wohin ich gehen soll?' fragte er. 'Auf den Planeten Erde', antwortete der Geograph, 'er hat einen guten Ruf.'" Und wie bei dem Kleinen Prinzen ist immer wieder die Erinnerung an seine Heimat da, wenn die Fremde den Erwachsenen aus dem Gleichgewicht bringen will. Vom "kleinen Planeten" zur "großen Erde" lernt er immer mehr über die "großen Leute". Als der Kleine Prinz in der Unendlichkeit der Wüste einen erwachsenen Freund gefunden hat, der ihn versteht, weil er ein Teil von ihm ist, sehnt er sich mehr als auf der ganzen Reise zurück nach "seinem Planeten", weil auch der Flieger wieder aufbrechen muß. Aber je mehr der Kleine Prinz von sich erzählt, desto größer wird sein Verlangen nach Trost. Zugleich will er erwachsen werden. Darum braucht er die Hülle der Kindheit nicht mehr. Auf "seinem Planeten" kann er als helles Kinderlachen überleben, das er dem andern Ich, dem Flieger, zum Abschied schenkt. Damit macht er ihn unendlich glücklich. Und doch tut die Trennung von dem kleinen Kerlchen so unendlich weh. Aber er weiß nicht, wie er seine Trauer ausdrücken soll. Im Arm des Fliegers wird der Kleine Prinz bei der Suche nach Wasser zum Inbegriff des kindlichen Kummers. Der Erwachsene tröstet das durstige Kind, denn es ist für ihn zum Sinnbild der Welt geworden. Die Viper sucht sich der Kleine Prinz als Mittel zur Vorbereitung auf seine Reise ohne Wiederkehr aus. Er hat keine Furcht, denn er freut sich ja auf seine Rose. Die Gedanken an sie haben ihn auf seiner ganzen Reise hinab zur Erde begleitet. Sie ist seine einzige Liebe. Es genügt ihm aber völlig zum Glücklichsein, dass er weiß, dass seine Blume da oben ist. So einfach kann Liebe sein. Das Ziel, das er sich gesucht hat, ist kein großes, denn er ist ja noch auf dem Weg zur Vollendung. Der Flieger bleibt dem Kleinen Prinzen treu. Er entfaltet die Flügel der Träume und erhebt sich aus der Wüste abgestumpften Alltagslebens in die Kindheit, die ihn seit seiner Begegnung mit dem Kleinen Prinzen in dessen hellem Lachen begleitet. Immer weiter versinkt der kleine Junge in die Vergangenheit; der fremde Stern irgendwo da draußen in der Unendlichkeit des Himmels hat ihn aufgenommen, der gleiche Stern, über dessen Winzigkeit sich der Flieger wunderte, als er davon erfuhr. Aber zugleich begreift der Erwachsene, dass er nie mehr in die Wunderwelt des fremden Sterns zurückkehren kann. Ist das Kindsein nun endgültig zu Ende? Nein, der Dichter bewahrt sich ein wenig davon auf; der Kleine Prinz hat ihm ja ein Geschenk gemacht: Die Begegnung der Gedanken beim Aufschauen zu den Sternen, von denen einer der Planet der Träume ist. Und da Konflikte aus den Worten kommen, reden beide nicht mehr. Saint-Exupéry und der Kleine Prinz, d.h., Erde und ferner Planet verschmelzen miteinander durch die Gedanken. 1944 ist Antoine de Saint-Exupéry etwa 100 km nördlich von Bastia abgeschossen worden, - seine Hülle hat man nie gefunden, - aber ich bin sicher: er hat den Kleinen Prinzen auf dem Planeten seiner Sehnsüchte wiedergesehen.

Kritik

"...man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die
Augen unsichtbar." ...

Am Dienstagabend konnte sich der interessierte Zuhörer im alten
Rathaus am Marktplatz in die literarische Zauberwelt des
französischen Fliegers und Dichters Antoine de Saint-
Exupéry entführen lassen.
...Anna E. Doll intonierte mit ihrer knabenhaften Stimme
nachfühlbar den kleinen Prinzen...
(Wetterauer Zeitung)

Kein Literaturfreund sollte sich den Auftritt dieser kleinen, mit
verträumten Augen und burschikoser Stimme erzählenden
Sprachkünstlerin entgehen lassen, deren Eigenbiographie sich
selbst wie ein spannendes Abenteuer liest:...
(Allgemeine Zeitung Gescher)

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