Erst der Bauer hat es ermöglicht, eine Gesellschaft zu gründen. Er musste der Erde wegen sesshaft werden und steht so am Ursprung der Stadt. Was täte wohl eine Stadtbevölkerung ohne den Bauernstand? Ein Bauer braucht zur Erwirtschaftung seiner Produktionsgüter Land. Der Städter kann in einer gemieteten Wohnung bleiben und seinem Gewerbe nachgehen, ganz gleich, wo die Produktionsstätte liegen mag. Bauern richten ihr Leben nach dem Ablauf der Jahreszeiten ein. Ein Stadtmensch kann zu jeder Jahreszeit seinem Beruf nachgehen.

Tauchen wir in die Vergangenheit - und lassen wir uns entführen in die Anfangszeiten des Bauernstandes. Beobachten wir, wie sich der Beruf des Bauern durch die Zeiten verändert hat und mit was er zu kämpfen hatte. Als noch germanische Stämme in unseren Gebieten siedelten, gab es den sogenannten Freisassen, einen Bauern mit eigenem Besitz. Man schloss sich in Dörfern zusammen, um gegen wilde Tiere geschützt zu sein, wobei zwei Dorftypen dominierten: das Straßendorf und das Runddorf. Die Militärpolitik der Befestigungen zum Schutze der bäuerlichen Bevölkerung im 10. Jhdt. wurde von Heinrich I. konsequent durchgeführt und beschränkte sich nicht nur auf Sachsen, sondern fasste in seinem gesamten Herrschaftsbereich Fuß. Die Besatzung bestand aus Unfreien, die ihre Bauernwirtschaft bestellten und Kriegsdienste leisteten. Man nannte sie Ministerialen. In diesen befestigten Orten gab es Gerichtstage und Märkte, eigentlich ein Privileg der Städte. Aber dies gehörte eben zur Politik Heinrichs. In die Befestigungen wurden auch Berufskrieger verlegt. Verurteilte Verbrecher wurden rekrutiert, indem man ihnen die Wahl zwischen Hinrichtung und Leben als Soldat ließ.

So erhielten alle Wohnsitze ihre Schutzwälle auf Befehl des Königs, wofür die ganze Bevölkerung des betreffenden Ortes unablässig arbeiten musste, denn Mauern, Gräben und Wälle mussten immer in bestem Zustand gehalten werden. Auch Klöster waren eingebunden in das Schutzprogramm des Königs. Zunächst war der Bauer bis ins 12./13. Jahrhundert ein begüterter Mann, der seine Familie ernähren konnte, Herr auf der eigenen Scholle und über das Gesinde. Er baute Getreide, Wein, Obst und Gemüse an, verfügte über Fischgründe und hatte eigenen Wald, der ihm Holz und Wildbret lieferte. Auf den Weiden standen Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe, ferner fütterte er Geflügel und Schweine. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts kamen immer mehr Bauern durch Getreidemissernten, Schwund des Viehbestandes und dessen Auswirkungen bei der Landbestellung in Abhängigkeit von kirchlichen und weltlichen Grundherren, bei denen sie zunächst Geldschulden machten. Um dieses Geld zu beschaffen, mussten sie ihre Produkte verkaufen. Das konnten sie nur auf dem Markt in der Stadt. Dadurch erhielten sie eine Beteiligung am wirtschaftlichen Leben. Die Bauern, die über Geld verfügten, kauften das Land der weniger Glücklichen auf, die vom Adel zu Leibeigenen, zu Sklaven gemacht wurden, und die ohne eigene Rechte ackern mussten. Dies bewirkte wiederum eine Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte, (Stadtluft macht frei), so dass einstmals blühende Dörfer ganz verschwanden. Die Grundherren ließen Schafherden, die bekanntlich als Landverwüster verschrieen waren, weiden. Schafe brachten schnellen Gewinn und konnten mit wenig Aufwand gehalten werden. An dem desolaten Zustand dieser Zeit mag der allgemeine Rückgang der Bevölkerung schuld sein, denn es standen zur Rodung der Wälder -man brauchte ständig neues Land für den Anbau von Feldfrüchten, genügend Dünger gab es nicht- kaum noch Menschen zur Verfügung, die den Lebensstandard hätten auf dem gehabten Niveau erhalten können. Die Landwirtschaft war in der mittelalterlichen Gesellschaft der Hauptfaktor innerhalb der Wirtschaftsproduktion, und so traf die Rückentwicklung alle Glieder der Gesellschaft. Durch Krieg, Hungersnot und Epidemien wurde die Bevölkerung ab der großen Pest von 1348 dezimiert. Dies brachte dem Grundherrn, der seine autoritäre Macht unangetastet weiter ausübte, in arge Bedrängnis. Er musste das Land zu niedrigem Pachtzins an kleinere Bauern zurückgeben. Eine andere Möglichkeit zur Aufrechterhaltung des Betriebes waren Lohnknechte, die allerdings auch nicht in beliebiger Anzahl zur Verfügung standen. Auf diese Art schwand Vermögen und Einfluss des Grundherrn immer mehr.

Hätte er die Kreativität seiner Bauern genutzt, wäre er nicht in eine Krise geraten. Andere, ältere bäuerliche Erwerbszweige, die früher nur der Selbstversorgung dienten, wie Tuchherstellung und Textilweiterverarbeitung gerieten seit Ende des 13. Jahrhunderts in Konkurrenz mit den städtischen Zünften. Allerdings wurden Auftragsarbeiten wie Spinnen und Verweben von minder guten Textilfasern trotz Konkurrenzneid der zunftgebundenen Handwerksbetriebe für städtische Unternehmer gerne an Bauern vergeben, da sie billiger arbeiteten. Auf dem Lande setzten sich die Gewerbebetriebe zur Deckung einfacherer Bedürfnisse der Gemeinschaft derer, die von einem Grundherrn abhängig waren, durch. Die Produktionsmittel entzogen sich allerdings aufgrund des Verfalls des Feudalismus der Kontrolle des Lehnsherrn. Der Abwärtstrend musste sich früher oder später in Aufständen entladen. Die Wut der geschundenen und entrechteten Bauern wurde immer größer, zumal die Bauern von den Herren als Arbeitsvieh verachtet wurden. (Der Bauer ist an Ochsen statt, nur dass er keine Hörner hat.) Man zog in die Städte, um sein Glück zu machen, und ließ verwüstetes Land zurück. Neu war in dieser Zeit, dass man sich als bäuerlicher Mensch sein Leben nicht nur an die Scholle gebunden vorstellen konnte, man konnte auch ein Handwerk lernen. Der gegen seine Missachtung Aufbegehrende fand Verbündete. In den Städten gab es Gleichgesinnte, denn sonst wäre wohl kaum ein Aufstand wie der in Paris von Etienne Marcel 1358 möglich gewesen. Dies ist für die europäische Sozialgeschichte ein interessantes Phänomen. Dass die Aufstände überall in Europa fast gleichzeitig aufflammten, war kein Zufall: 1378 in Florenz, 1381 in Gent und in London, 1382 im Languedoc und in Paris. Diesen auf den ersten Blick städtischen Aufständen kommt der Umstand zugute, dass im 14. Jhdt. unmittelbar um die Städte herum, allerdings oftmals mit eigener Befestigung, Höfe lagen, die zur Stadt gehörten, aber eben von Bauern bewirtschaftet wurden. Selbst in den Städten konnte man Höfe finden. Die Wirtschaft in Europa hatte sich enorm verschlechtert.

Es wird sogar von einer "Agrarkrise" gesprochen. Sie war die große Krise des 14. Jhdts. Wie ist sie entstanden? Die landwirtschaftliche Produktion hat während des 14. Jhdts. überall in Europa abgenommen. Aber leider entsprach dem nicht die Abnahme der Bevölkerung. Da uns genaue Quellen fehlen, bleiben nur die Chroniken, mittels denen man einen ungefähren Eindruck von den damaligen Vorgängen erhalten kann. Die Produktion pro Kopf ging jedenfalls zurück. Warum zog das aber eine Krise nach sich? Man sagt, rapide und brüsk sei das Klima ab Anfang des 14. Jhdts. kühler geworden, alpine und polare Gletscher drangen vor. Die Auswirkungen auf die europäische Landwirtschaft sind nicht zu leugnen. Der Rebstock ist aus England verschwunden. Jedoch für den deutschen Weinbau wirkten sich zahlreiche heiße und trockene Sommer günstig aus. Die feudale Macht wurde unterminiert. Reine Geldzahlungen, wie sie damals in den bäuerlichen Abgaben erstmals auftauchten, waren in der Organisation des Grundbesitzes selten. Bei Geldzahlung muss man die Geldverschlechterung mit einbeziehen, d.h., den geringeren Anteil von Edelmetallen in der Legierung der Münzen. Dem Grundherrn fehlten alle Voraussetzungen für eine Anpassung an die veränderten Verhältnisse. Da er Macht hatte, erließ er Gesetze zur Lohnreduktion der Arbeiter. Aber die Arbeitskräfte wurden durch Landflucht rar.

Das Feudalsystem trug seine Grenzen, den Keim des Zerfalls schon in sich. Zwar bot das Fronhofsystem noch Möglichkeiten, da es die Bauern zu kostenlosen Dienstleistungen beim Grundherrn verpflichtete. Außerhalb des Gutes bewirtschafteten Fronbauern kleinere Einheiten. So investierte der Grundherr kein Geld in seine Ländereien, weil er es nicht wollte. Die vom Fronbauern zu bewirtschaftende Fläche war für eine Investition zu klein. Aber jede Verhärtung den Bauern gegenüber schlug sich im Produktionsrückgang nieder. Hungersnöte, rückläufige Entwicklung des Anbaus, Übergang zur Weidewirtschaft beschleunigten die Niederlage des Grundherren. Zu sozialen Spannungen kam es durch die materielle Not und die Veränderungen, die nun nötig wurden. Im 14. und 15. Jhdt. gab es überall in Europa große Aufstände. Ständig rebellierten die Bauern, wobei sie äußerst brutal vorgingen. Die Refeudalisierung mit wesentlichem Unterschied zur mittelalterlichen Feudalherrschaft schuf eine neue Form der Wirtschaft bis zum 18. Jhdt, in dem sich die Befreiung der Landarbeit von feudalen Formen der Ausbeutung distanzieren konnte. Das Bauerntum siegte. Bäuerliche Erwerbszweige aus alten Zeiten kamen wieder in größerem Maße auf. Die Bauern verkauften nun selbst ihre Produkte ohne Zwischenhändler. Moderne Wirtschaftsformen begannen nun auch im Dorf Fuß zu fassen.

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