Das Rittertum als erste Internationale

Der Ursprung ritterlichen Wesens hat legendäre Wertung erfahren, ein König soll seine Taten bereut haben, vom Thron gestiegen und Einsiedler geworden sein. Er soll als Eremit das Rittertum ersonnen und der Welt als Heil verkündet haben. In Wolframs Parzival erteilt ein Einsiedler dem Tristan, der Ritter werden will, weise Lehren, wohl als Nachklang solcher Sage. In Wirklichkeit entstand die ritterliche Weltanschauung langsam, gefördert durch praktische Erfordernisse wie durch mystischen Einfluss, und in notwendigem Zusammenhang mit dem feudalen System und dem Lehenswesen. Eingetaucht in die Selbstverständlichkeit eines immer demokratisch werdenden Zeitalters, ist es sehr schwer, mit gebürender Gerechtigkeit die Selbstverständlichkeiten eines durchaus aristokratischen Ideals und des ihm huldigenden Zeitraums einzusehen. Wenn es aber gelingt, erfährt der historisch fühlende Betrachter eine große Bereicherung. Alle Äußerungen der Ritterzeit, auch alle Äußerungen des geselligen Lebens und der Festfreude gründen sich auf dem unverrückbar festen Stolz der Erlesenheit, der Abgeschlossenheit vom Gemeinen und Gewöhnlichen jeder Beschreibung, und auf strengstes Einhalten der Rangstufen innerhalb des geheiligten Kreises. Wir befinden uns hier in der vornehmen Welt des Rittertums im 9. und 10. Jahrhundert, stellenweise auch bis ins 11. und 12. in der exklusivsten Gesellschaft, die es je gegeben hat, und alle ihre Gepflogenheiten und Feiern haben unverkennbar die Tendenz, diesem exklusiven Ideal zu huldigen, es zu verstärken und wohlbewusst zu verstehen. Doch diese geschlossene Gesellschaft ist nichts weniger als eng und kleinlich. Sie hat eine Größe und Ausdehnung, in gewissem Sinne eine Weitherzigkeit, die seitdem nicht wieder erreicht wurde. Ähnlich wie vor dem 1. Weltkrieg die sozialistische Weltanschauung über jede politische Grenze hinwegsehen wollte und bestrebt war, sich überall als eine bis ins letzte Glied lebendige Körperschaft zu bekunden, erlebte die große Adelswelt ihre Internationale, sah weit hinweg über die Sprach- und Volksschranken, die sich damals zu bilden anfingen und fühlte sich, trotz Strauß und Fehde als ein Volk von Brüdern. Ein französischer, ein englischer, ein deutscher, ein italienischer Ritter waren sich sofort nah und brüderlich vertraut, mochten sie auch eben miteinander gekämpft haben. Ein französischer Ritter stand einem englischen näher als einem Bürger, Bauer oder Handwerker seiner eigenen Nation. Das Zusammenhalten der gewaltigen Feudalwelt ermöglichte verschiedene internationale Unternehmungen gegen die in Europa eindringenden Araber und Sarazenen. Unter den Königen der Westgoten in Spanien, der Franken an der Südküste ihres Gebietes, in den germanisch-byzantinischen Heeren in Süditalien kämpfte die abenteuerlustige ritterliche Jugend aller Länder und Gaue in einmütiger Kameradschaft gegen den heidnischen Feind. Je vornehmer sie waren, desto besser vertrugen sich die Ritter aus verschiedensten Ländern miteinander. Erst mit dem Niedergang der Vornehmheit sollte das weitumschlingende Band sich lockern.

Aus: v. Gleichen-Rußwurm "Der Ritterspiegel" - Verlag von Julius

Hoffmann, Stuttgart.

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